Warum dieser Blog?

Wir gründeten diesen Blog im März 2020 angesichts der beginnenden Corona-Pandemie und der damit verbundenen Restriktionen als Informationskanal zur Situation im kontinentaleuropäisch-britischen Migrationsraum. Zum Symbol all der Konflikte und Widerstände, Selbstbehauptungen und Solidaritäten in dieser Region wurde vor anderthalb Jahrzehnten der Jungle of Calais. Wer wir sind und was uns antreibt?

Im Kontext der Corona-Pandemie und des dadurch bedingten Ausnahmezustandes in nahezu allen europäischen Ländern drohen die Geflüchteten in prekären Situationen aus dem Blick zu geraten. Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Eindämmung der Seuche und die dazu getroffenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie auch der persönlichen Freiheit fokussiert, entwickelt sich an Orten wie Moria, Calais, in Bosnien-Herzegowina, an der türkisch-griechischen Grenze usw. eigene und negative Dynamiken. Grenzregime werden in einem kaum je geahnten Maße verschärft, elementare rechtliche und humanitäre Normen scheinen suspendiert, Camps mit ohnehin riskanten Lebensbedingungen verlieren existentielle Infrastrukturen der Daseinsfürsorge. Dabei sind die Bewohner_innen solcher prekärer Orte aufgrund ihrer Lebensbedingungen und der an ihnen ausgeübten Gewalt in besonderem Maße durch die Pandemie gefährdet. Gleichzeitig erschweren die über Europa verhängten Einschränkungen der Mobilität den Austausch von Beobachtungen, Erfahrungen und Wissen in der bisherigen Form. Gerade in einer Phase permanenter und einschneidender Veränderungen erlischt die mediale Aufmerksamkeit für die Menschen in limbo, und mit der Verringerung des Wissens nehmen die Möglichkeiten politischer und humanitärer Intervention ab.

Auf diese Situation haben zahllose zivilgesellschaftliche Gruppen und Akteure nach der Eskalation an der griechisch-türkischen EU-Außengrenze am 28. Februar 2020 mit einer Vielzahl von Initiativen reagiert. Diese fielen zeitlich mit der Dynamisierung der Corona-Krise zusammen und können nun helfen, das in dieser neuen Situation Nötige zu unternehmen. Unser Weblog soll ein bescheidener, auf eine einzelne Region fokussierter Beitrag zu dieser Anstrengung sein. In seinem Mittelpunkt steht Calais, aber Calais ist nicht nur eine einzelne Stadt, sondern steht für einen migrationsgeographischen Raum und ein Grenzregime, das mehr Länder als nur Frankreich betrifft. Daher beziehen wir insbesondere Belgien und der Kanalküste ein und halten das Zielland der Calais-Migrant_innen im Blick: Großbritannien.

Informationen über Calais – und darüber hinaus

Vor diesem Hintergrund soll der Blog einen Informationskanal unter den spezifischen Bedingungen der Corona-Krise herstellen. Er konzentriert sich auf Calais, dessen Name seit mehr als einem Jahrzehnt untrennbar mit den Jungles – prekären Zelt- und Hüttencamps der Migrant_innen – verbunden ist. Calais steht aus unserer Sicht für die unmittelbaren und inhumanen Auswirkungen eines Grenzregimes, das sich vor Ort in einer grotesken Landschaft aus Hochsicherheitszäunen rund um Fährhafen und Eurotunnel manifestiert und sich entlang der dorthin führenden Verkehrswege fortsetzt. Calais steht für die unablässigen Versuche der betroffenen Menschen, dennoch einen Weg über den Ärmelkanal zu finden und hierfür einen hohen Preis zu bezahlen – manchmal den Preis ihres Lebens. Calais steht für einen unausgesprochenen Ausnahmezustand einschließlich kalkulierter Verletzungen menschenrechtlicher Normen. Nicht zuletzt steht Calais für eine vielschichtige und kreative Solidarität zivilgesellschaftlicher Vereinigungen, Freiwilliger und Aktivist_innen. Die von ihnen geschaffenen Strukturen sind es, die heute [Mitte März 2020], am Beginn der Pandemie, die Hauptverantwortung für das Überleben der Menschen im Jungle und für die Dokumentation des weiteren Geschehens tragen.

Eine mit Calais vergleichbare Situation besteht seit Jahren in der Umgebung der benachbarten Hafenstadt Dunkerque/Dünkirchen und konzentriert sich dort vor allem in der Kleinstadt Grande-Synthe. In kleinerem Umfang gilt dies für eine Reihe weiterer französischer, belgischer, niederländischer und nordspanischer Häfen sowie für die nach Calais und Dunkerque führenden Autobahnen in Nordfrankreich und Belgien. Nicht zuletzt haben sich in den beiden Hauptstädten Paris und Brüssel sowohl Strukturen von Migrant_innen auf dem Weg nach Großbritannien, als auch tragfähige Plattformen urbaner zivilgesellschaftlicher Solidarität gebildet.

Daher werden wir versuchen, neben Calais und Grande Synthe zumindest einige dieser anderen Orte einbeziehen.

Unsere Arbeitsweise

Wir arbeiten zunächst von Deutschland und den Niederlanden aus, hoffen aber, in Belgien und Frankreich Mitwirkende zu finden. Zunächst jedoch bilden wir ein vierköpfiges Redaktionsteam, das unentgeltlich und on top arbeitet. Jeder von uns beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Calais und konnte in dieser Zeit Kontakte zu Vereinigungen und Personen innerhalb und außerhalb der Jungles knüpfen.

Am Anfang werten wir die aus der Distanz zugänglichen Quellen aus, überprüfen die Authentizität und Relevanz des Materials und stellen es mit den erforderlichen Einordnungen zur Verfügung – von Zeit zu Zeit ergänzt durch eigene zusammenfassende Beiträge und, wenn möglich, eigene Recherchen. Wir laden alle am Ort des Geschehens engagierten Gruppen und Personen ein, sich an dem Projekt zu beteiligen und es als Informationskanal vor allem in den deutschsprachigen Raum zu nutzen.

Durch die Anbindung des Blogs an bordermonitoring.eu und die Verbindung mit dem Netzwerk für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (kritnet) hoffen wir auf eine möglichst gute Verankerung in bestehenden solidarischen, wissenschaftlichen und humanitären Strukturen. Wir hoffen, durch unser Projekt Beobachtungen und Erfahrungen vermitteln zu können, die auch für andere prekäre Orte in Europa und an seiner Außengrenze, ebenso jedoch für die generelle Situation Marginalisierter im Verlauf der Seuche, des Ausnahmezustandes und der damit einhergehenden Restriktionen, Verwerfungen und Solidaritäten bedeutsam sind.

Es ist erwünscht, den Weblog durch Textbeiträge, Weiterleitung von Informationen, kommunikativen Austausch und Bereitstellung von Fotos und Videos zu unterstützen, deren Quelle und Intention gegebenenfalls redaktionell überprüft werden. Auch eine Mitarbeit im Redaktionsteam sowie Mithilfe bei Übersetzungen und technischen Fragen sind willkommen.

Unser Statement

Wir betrachten den Blog nicht als Meinungsmedium und sind nicht das Sprachrohr einer Organisation oder Strömung. Wir konzentrieren uns auf die möglichst präzise Dokumentation des Geschehens unter erschwerten Bedingungen. Hierbei greifen wir auf etablierte Methoden wissenschaftlicher und journalistischer Quellenkritik und Kontextualisierung zurück.

Was uns verbindet, ist das Bewusstsein, dass Solidarität keine Solidarität ist, wenn sie zwischen den Eigenen und den Fremden unterscheidet und insbesondere jene Menschen ausschließt, die in Grenzsituationen gefangen und ohne gültige Papiere dennoch Teil der europäischen Gesellschaften sind. Die Vorsorge für das eigene Überleben während der Seuche darf unter keinen Umständen durch Ungleichheit definiert sein. Auch knappe Ressourcen gelten allen. Alle, die sich in diesem Sinne engagieren, etwa indem sie mit knapper werdenden Mitteln die Menschen im Jungle unterstützen, sind aus unserer Sicht Teil einer kritischen Infrastruktur. Sie sind es im doppelten Sinne des Wortes als unverzichtbarer Teil der Daseinsfürsorge und ebenso unverzichtbare Voraussetzung für jedes kritisches Nachdenken über Gesellschaft, das den notwendigen Erfordernissen der Seuchenbekämpfung niemals untergeordnet werden darf.

Aachen, Amsterdam und Essen, 20. März 2020

Thomas Müller, Tobias Müller, Uwe Schlüper, Sascha Zinflou