Während des Staatsbesuchs des britischen Premierministers Keir Starmer in der Volksrepublik China vereinbarten beide Staaten eine Zusammenarbeit bei der Vorfeldbekämpfung der Migration auf der Kanalroute. Die zwischenstaatliche Vereinbarung, die nicht im Wortlaut veröffentlicht wurde, zielt auf die Unterbrechung der Lieferkette für Bootsmotoren, Bootszubehör und Bauteile chinesischer Produktion. Sie reiht sich ein in eine Folge ähnlicher Vereinbarungen mit Drittstaaten, doch ihr Einfluss auf das Geschehen am Ärmelkanal dürfte minimal sein.
Wieder ein Todesfall in Transmarck
In der Gemeinde Marck bei Calais starb erneut ein Mensch beim Versuch, nach Großbritannien zu gelangen. Es ist der erste Todesfall eines Geflüchteten an der französischen Kanalküste in diesem Jahr, doch reiht er sich in eine Reihe ähnlicher Vorfälle ein, die sich nicht auf See, sondern im Gewerbegebiet Transmarck ereigneten. Wegen seiner zahlreichen Logistikbetriebe versuchen vor allem Menschen aus dem Sudan und anderen subsaharischen Staaten, dort auf einen Lastwagen nach Großbritannien zu gelangen und riskieren dabei immer wieder ihr Leben.
Die von britischen Rechtsextremen angekündigte „Operation Overlord“ an der französischen Kanalküste ist weitgehend im Sande verlaufen. Statt massenhaft inmitten der humanitären Krise zu „landen“, sahen sich die Aktivist:innen mit einem Verbot, Polizeipräsenz und Festnahmen, aber auch internen Zerwürfnissen, konfrontiert. In der digitalen Welt jedoch erweist sich die Kampagne als Brandbeschleuniger: Fake-Kanäle erwecken den Eindruck, im Ärmelkanal würden vollbesetzte Schlauchboote versenkt und die Bevölkerung übe den Aufstand.

Offenbar zum ersten Mal haben die französischen Behörden ein Schlauchboot an der französischen Kanalküste aktiv abgefangen, das sich bereits im Wasser befand. Der Vorfall wurde am 17. Januar 2026 am Canal de’l Aa, einer zum Ärmelkanal führenden Binnenwasserstraße westlich von Dunkerque, beobachtet. Er betraf ein mutmaßliches Taxiboot, das die Passagier:innen noch nicht an Bord genommen hatte. [Mit einem Update]
Im November und Dezember 2025 suchten Aktivisten der britischen Kampagne Raise the Colours wöchentlich Schauplätze der undokumentierten Migration in Nordfrankreich auf. Die Rechtsextremisten produzierten eine Desinformationskampagne, propagierten Aktionen gegen small boats und bedrängten Geflüchtete und humanitäre Helfer:innen. Unter dem Namen Operation Overlord kündigen sie nun eine Aktion am 24. Januar 2026 an und mobilisieren für eine Massenbewegung mit größenwahnsinnigen Zügen. Die französische Regierung reagierte mit einem Einreiseverbot. Das rechtsextreme Spektakel inmitten der humanitären Krise ist damit ausgebremst, aber nicht beendet.

Im vergangenen Jahr erreichten 41.472 Menschen an Bord von 672 Schlauchbooten britisches Hoheitsgebiet. Es ist die zweithöchste Personenzahl seit dem Beginn der Bootspassagen im Herbst 2018, und im Gegensatz zu den maritimen Routen im Süden der EU steigt die Zahl der Passagier:innen kontinuierlich an. Während die Kanalroute also robust funktioniert, radikalisiert sich ihr politischer Kontext. Hier ein Blick auf die Zahlen und Dynamiken des vergangenen Jahres.
Von der Klage zum Urteil
Im November 2025 erregte die Klage von sechs NGOs – Médecins du Monde, Utopia 56, Salam, Roots, Human Rights Observers und Refugee Women’s Centre – vor dem Verwaltungsgericht Lille Aufmerksamkeit. Wie wir hier berichteten, forderten die Organisationen unter Berufung auf Art. L. 521-2 des Code de justice administrative (référé-liberté) Maßnahmen zur Sicherstellung grundlegender Bedürfnisse der Exilierten: Trinkwasser, Hygiene, Abfallentsorgung, Zugang zu Asyl und Schutz vulnerabler Gruppen. Das Urteil vom 4. Dezember 2025 (N° 2511276) markiert nun einen Teilerfolg – und eine klare Handlungsaufforderung an den Staat. Es unterstreicht, dass es in der Nähe der Lebensorte in der Region Dunkerque, wo die Zahl der Exilierten 2025 auf über 1.500 angestiegen ist, an elementarer Daseinsvorsorge fehlt, während die Behörden auf immer mehr Zäune und Räumungen setzen.

Jahr mit Fragezeichen
Wie entwickelt sich die Migration auf der Ärmelkanal-Route in diesem Jahr? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Versuch einer Einschätzung, basierend auf einem Ortsbesuch im Dezember.
Januar 2026
Wir verlinken hier eine Auswahl aktueller Meldungen aus den Medien und Beiträge von Exilierten und Aktivist_innen und mit Bezug zur Situation im kontinentaleuropäisch-britischen Migrationsraum.
