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Calais

Rückkehr der Hilfsverbote

Auf Anweisung des französischen Innenministers erließ der damalige Präfekt des Departements Pas-de-Calais, Louis de Franc, am 10. September 2020 zum ersten Mal ein Verbot bestimmter zivilgesellschaftlicher Hilfeleistungen in Calais (siehe hier). Das Verbot zwar zeitlich befristet, allerdings verlängerte die Präfektur es über zwanzig Mal und passte es, wenn nötig, einer Veränderung der Camp-Standorte an. Im April 2022 endete das Verbot stillschweigend, indem keine weitere Verlängerung erfolgte. Eine Verbesserung der Stuation bedeutete dies, soweit wir es beurteilen können, nicht wirklich. Nun aber hat ein neuer Präfekt, Jacques Billant, ein neues Verbot verfügt. Momentan untersagt es die kostenlose Verteilung von Wasser und Nahrung im Umfeld zweier innerstädtischer Camps in Calais. Wie die frühere Serie von Hilfsverboten, behindert und delegitimiert es die Arbeit unabhängiger Organisationen und schafft die Illusion einer staatlichen Fürsorge, die sich in der Realität jedoch als Element einer antimigrantischen Ordnungspolitik für den städtischen Raum erweist.

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Calais

Vielleicht ein weiterer Todesfall an der Grenze

In einem Kanal am westlichen Rand der Innenstadt von Calais wurde am 12. August 2022 die Leiche eines unbekannten Mannes entdeckt. Bis heute sind viele Fragen offen. Weder die Identität der Person konnte geklärt werden, noch ist die Todesursache bekannt. Obschon Indizien darauf hindeuten, dass es sich um einen undokumentiert in Calais lebenden Migranten handeln könnte, ist auch dies bislang ungeklärt.

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Channel crossings & UK

20.000 Bootspassagen seit Jahresbeginn

Ein Team von Care4Calais heißt Bootspassagier_innen nach ihrer Ankunft in Großbritannien willkommen, August 2022. (Foto: Care4Calais)

Die Frequentierung der Kanalroute nimmt weiterhin stark zu. Nachdem das britische Verteidigungsministerium am gestrigen 13. August die Ankunft von 604 Personen in 14 Booten bestätigte, liegt die Gesamtzahl der Bootspassagier_innen seit Jahresbeginn nun über 20.000. Im vergangenen Jahr war diese Zahl erst Anfang November erreicht worden (siehe hier) und ein weiteres Jahr zuvor waren es während des gesamten Jahres weniger als zehntausend Personen gewesen. Die Ankündigungen der konservativen britischen Regierung, den Markt für kommerziell angebotene Bootspassagen durch immer existenziellere Maßnahmen gegen die Exilierten austrocknen zu wollen, erweisen sich erneut als Wunschdenken.

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Dunkerque & Grande-Synthe

Erneut ein Todesfall in Loon-Plage

Im Jungle von Loon-Plage bei Dunkerque starb am 9. August 2022 ein junger Geflüchteter aus dem Südsudan. Wie die Präfektur des Departements Nord und zivilgesellschaftliche Organisationen übereinstimmend berichten, ertrank der 22jährige nach einem versehentlichen Sturz in einen Schifffahrtskanal, der an der Rückseite des Camps vorbeiführt. Eine Sprecherin von Utopia 56 im benachbaten Grande-Synthe erklärte gegenüber der Presse, dass der junge Mann zum Kanal gegangen sei, „um sich zu waschen“. Die von anderen Geflüchteten gerufenen Rettungskräfte hätten nichts mehr für ihn tun können. Über die Identität des Mannes ist bislang nichts Genaueres bekannt geworden.

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Calais

Vier Jahre in flagranti

Video von Human Rights Observers, 8. August 2022.

Mindestens 4.684 mal innerhalb von vier Jahren räumten Polizei und Gendarmerie in Calais ein Camp in flagranti. Diese spezielle Praxis von Räumungen – sie zielen nicht auf die Auflösung eines Siedlungsplatzes oder die Evakuierung der Bewohner_innen, sondern wiederholen sich an gleicher Stelle im Turnus von etwa 36 bis 48 Stunden (siehe hier, hier und hier) – begann vor genau vier Jahren, am 8. August 2018. Damals wurden bis zum Jahresende 452 Räumungen gezählt, in den beiden folgenden Jahren waren es 961 (2019) und 967 (2020). In diesem Jahr stieg die Zahl signifikant: Zwischen dem 1. Januar und dem 8. August 2022 waren es mindestens 1.079.

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Channel crossings & UK

Britischer Populismus, albanische Migration und ein geleakter Militärreport

Die britische Boulevardpresse erlaubt momentan aufschlussreiche Einblicke, und zwar sowohl in Interna des britischen Grenzregimes, als auch in das konservative Campaigning zur Rettung des britisch-ruandischen Migrationsdeals. Nebenher macht ein Blick in die Boulevardpresse eine aktuelle Tendenz der Migration auf der Kanalroute sichtbar, nämlich eine verstärkte Präsenz albanischer Migrant_innen. Letzteres wird von konservativen Hardlinern skandalisiert, belegen die Albaner_innen doch scheinbar, dass die Channel crossings keine Fluchtmigration seien und der vehemente Protest linker, liberaler und kirchlicher Organisationen gegen den britisch-ruandischen Migrationsdeal auf Fakes basiere. Grundlage dieser Skandalisierung ist ein geleakter Report des britischen Militärs, das seit April 2022 für die Bekämpfung der kanalüberfreifenden Bootsmigration zuständig ist.

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Externe Berichte

August 2022

Wir verlinken hier eine Auswahl aktueller Meldungen aus den Medien und Beiträge von Exilierten und Aktivist_innen und mit Bezug zur Situation im kontinentaleuropäisch-britischen Migrationsraum.

Foto: Julia Druelle
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Allgemein

Notrufe ins Leere (2)

Neue Erkenntnisse zur tödlichen Havarie am 24. November 2021

Wir berichteten an dieser Stelle schon mehrfach über die unaufgeklärten Hintergründe der tödlichen Havarie, bei der am 24. November 2021 vor Calais 27 Menschen ertranken, zwei seither vermisst werden und lediglich zwei überlebten (siehe hier, hier, hier und hier). Entgegen der ursprünglichen Darstellung der Behörden hatten die beiden Überlebenden berichtet, wiederholt Nortufe an die französischen und britischen Küstenwachen abgesetzt zu haben, aber jeweils an den anderen Staat verwiesen worden zu sein, weil sie sich (angeblich) auf dessen Hoheitsgebiet befänden. Unklar ist inbesondere, ob das Boot bereits britisches Hoheitsgebiet erreicht hatte und ob die Rettungsdienste tatächlich wegen einer Zuständigkeitsfrage untätig blieben – und den Horror für die Passagier_innen dadurch um genau jene Stunden verlängerten, in denen die meisten von ihnen starben. Ein Bericht des Senders Sky News vom 26. Juli 2022 stützt nun die Aussagen der Überlebenden.

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Calais

Ein bisschen kolonial

Polizeikontrolle in Calais, 12. Juli 2022 (Video: N. N. / Tweet: Human Rights Observers)

Einen Einblick in die Lebenswirklichkeit on the move gibt ein Video, das Betroffene während einer Polizeikontrolle am 12. Juli 2022 in Calais aufnahmen. Der von Human Rights Observers veröffentlichte Film zeigt, wie Angehörige der Polizeieinheit CRS sich über Exilierte lustig machen und ihnen ihre Überlegenheit demonstrieren. Ihr Ton ist höhnisch und herablassend, und sie selbst sind es, die in flapsigem Ton auf koloniale Muster Bezug nehmen. „Polizeigewalt dieser Art gibt es ständig. Der Unterschied ist, dass es normalerweise keine Bilder gibt“, sagte Laure Saboureux von Human Rights Observers dem französischen Onlinemedium InfoMigrants. „Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs“.

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Dunkerque & Grande-Synthe

Ein weiterer Suizid im Grenzraum

Wie die Organisation Utopia 56 am gestrigen 23. Juli 2022 mitteilte, starb ein weiterer Mensch im Kontext der britisch-französischen Grenzpolitik. Es handelt sich um einen etwa 25 Jahre alten Mann vermutlich aus Somalia, dessen Identität jedoch nicht geklärt werden konnte. Laut Utopia 56 war er am 28. Juni auf der Straße entlang des Camps in Loon-Plage bei Dunkerque (siehe hier und hier) von einem Lastwagen überfahren worden. Nach einer Krankenhausbehandlung in Lille verstarb er am 30. Juni. Die Ermittlungen der Behörden ergeben, dass es sich um einen Fall von Suizid handelte. Der Mann war nach den Erkenntnissen von Utopia 56 erst wenige Tage zuvor über Belgien in das Camp von Loon-Plage gekommen.