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Kommerzielles Schleusen als strukturelle Gewalt

Journalistische Recherchen werfen Schlaglichter auf das Geschäft mit dem Grenzregime am Ärmelkanal

Es ist nicht möglich, das Geschehen auf der Kanalroute zu verstehen, ohne die Ökonomie, die Organisation und die Machtstrukturen des Schleusens in den Blick zu nehmen. Gleichzeitig ist dieser Blick verstellt, denn das hochprofitable Geschäft vollzieht sich in einer für uns unzugänglichen Sphäre. Regelmäßig melden lokale Medien die Festnahme oder Verurteilung einer involvierten Person, doch haben diese oft nur eine unbedeutende Rolle gespielt. Die zunehmende Kriminalisierung der Steuerleute der Schlauchboote weitet den Vorwurf der Schleusung auf die Geflüchteten selbst aus und geht damit völlig an den Profiteuren des Geschäfts vorbei. Aufwändige internationale Polizeiaktionen, teils koordiniert durch Europol, richten sich zwar gegen übergeordnete Akteure, doch zeigen sie auch, dass diese kaum greifbar sind. Und nicht zuletzt kommt es immer wieder zu Tötungsdelikten, die an mafiose Strukturen erinnern. Aktuelle Medienrecherchen ermöglichen nun partielle Einblicke.

Suche nach dem „Skorpion“ : Die Recherche von Sue Mitchell und Rob Lawrie

Die aufwändigste und wohl auch riskanteste Recherche stammt von der BBC. Die Journalistin Sue Mitchell und der frühere Soldat Rob Lawrie, der auch als Helfer in den nordfranzösischen Camps tätig war, veröffentlichten Anfang Mai die ersten Folgen ihrer Podcast-Reihe To Catch a Scorpion.

Der Titel bezieht sich auf den Tarnnamen Skorpion, hinter dem sich der mutmaßliche Chef eines irakisch-kurdischen Schleusernetzwerks verbirgt: Barzan Majeed. Die Recherche stützt sich u.a. auf Ermittlungen der britischen National Crime Agency, der Staatsanwaltschaft im belgischen Brügge und rückblickende Erinnerungen von Geflüchteten in Großbritannien; hinzu kamen Hinweise von Personen aus dem Umfeld Majeeds, zu denen im Verlauf der Recherchen ein Kontakt aufgebaut werden konnte. Es gelang dem Team schließlich, in Sulaymaniyah im kurdischen Norden des Irak auch mit Majeed selbst zu sprechen. Bis dahin war unbekannt, wo sich der international Gesuchte aufhielt. Danach beendeten die Beiden ihre Recherche und teilten die Erkenntnisse mit britischen und europäischen Behörden. Daraufhin wurde er am 12. Mai im Irak verhaftet.

Mehrfach waren Mitchell und Lawrie während ihrer Recherche mit schwierigen Situationen konfrontiert, etwa wenn ihnen der Mitarbeiter eines von Schleusern frequentierten Cafés in Instabul zu verstehen gab, das er bewaffnet war. Auch Geflüchtete, die sich für ihre Einreise nach Großbritannien dem „Skorpion“ anvertraut hatten und inzwischen in Großbritannien lebten, sprachen nur anonym über das Erlebte. Ein Geflüchteter drückte seine Gewissheit aus, getötet zu werden, sollte seine Identität bekannt werden. Dieselbe Angst hatte – unabhängig von der aktuellen Recherche – auch ein Überlebender der bislang schwersten Havarie eines Schlauchboots im Ärmelkanal geäußert, bei der am 24. November 2021 insgesamt 31 Menschen starben (siehe hier), als er einem irakisch-kurdischen Sender von seinen Erlebnissen auf See berichtete. Im BBC-Podcast sind zudem Passagen abgehörter Telefonate zu hören. Sie belegen, dass Gewaltdrohungen auch als Mittel eingesetzt werden, um innerhalb des Netzwerks die Disziplin bei der Vorbereitung der Bootspassagen vor Ort durchzusetzen.

Barzam Majeed war, so Sue Mitchell, 2006 im Alter von etwa zwanzig Jahren undokumentiert nach Großbritannien geschmuggelt worden. Wie in dieser Phase üblich, geschah es per Lastwagen. Er lebte und arbeitete in Nottingham. Über seine weiteren Werdegang schreibt die Journalistin: „Obwohl ihm ein Jahr später die Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde, blieb er noch mehrere Jahre im Vereinigten Königreich – einige davon im Gefängnis wegen Waffen- und Drogendelikten. Im Jahr 2015 wurde er schließlich in den Irak abgeschoben. Kurz danach soll Majeed ein Menschenschmuggelgeschäft von seinem älteren Bruder ‚geerbt‘ haben, der eine Haftstrafe in Belgien verbüßte. Majeed wurde unter dem Namen Skorpion bekannt. Zwischen 2016 und 2021 soll Skorpion’s Bande einen Großteil des Menschenschmuggels zwischen Europa und dem Vereinigten Königreich kontrolliert haben.“

Durch die systematische Auswertungng von Mobiltelefonen, die Geflüchteten bei ihrer Ankunft in Großbritannien abgenommen wurden, seien die Ermittler auf eine wiederkehrende Telefonnummer aufmerksam geworden, die häufig unter dem Namen Skorpion oder mit dem Bild dieses Tieres abgespeichert worden war. Majeeds Organisation stand im Fokus zweier länderübergreifenden Polizeioperation unter dem Dach von Europol, deren Schwerpunkt jeweils in Deutschland lag, das als logistische Drehscheibe beim Antransport der Schlauchboote gilt (siehe hier und hier). Aus diesen Ermittlungen resultierte u.a. ein Strafprozess in Brügge, bei dem mehrere Angehörige des Netzwerks, je nach ihrer Stellung in der kriminellen Organisation zu Haftstafen zwischen 30 Monaten und 11 Jahren verurteilt wurden (siehe hier).

Majeed wurde in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von 10 Jahren und einer Geldstrafe von 968.000 Euro verurteilt. Über seinen Aufenthaltsort lagen, so Mitchell, keinerlei Informationen mehr vor. Das BBC-Team suchte zunächst in Nottingham nach Kontaktpersonen und erhielt von Majeeds inzwischen aus der belgischgen Haft entlassenen Bruder Hinweise auf einen Aufenthalt in der Türkei. Dort fanden sich Belege, dass Majeed inzwischen von Schleusungen aus der Türkei nach Griechenland und Italien profitiert, bei denen stark überladene Yachten verwendet werden. Im türkischen Marmaris identifizierten sie eine von ihm erworbene Villa.

In der Türkei nahm Majeed selbst Kontakt zum Rechercheteam auf, das seine Nummer in einer Wechselstube hinterlassen hatte, und war schließlich zu einem persönlichen Gespräch, das im Café eines Einkaufszentrums in Sulaymaniyah stattfand. Seinem Selbstverständis nach sah sich Majeed, so Mitchell, nicht als Schmuggler, was jedoch auch mit seinem Rollenverständnis zu tun hat, denn er verwendete den Begriff lediglich für diejenigen, die die Bootspassagen vor Ort vorbereiteten. Gleichwoh bestritt er nicht, ein Organisator und Profiteur der kanalübergreifenden Migration gewesen zu sein: „Scorpion sagte, er sei zwischen 2016 und 2019 einer der beiden Hauptverantwortlichen für die Geschäfte in Belgien und Frankreich gewesen und gab zu, dass er in dieser Zeit Millionen von Dollar verwaltet habe“, so Mitchell. Sie zitiert ihn mit der Aussage, er habe „vielleicht eintausend, vielleicht zehntausend“ Menschen über die Grenze geschleust, er wisse die genaue Zahl nicht. Zugleich „leugnete er, eine große Nummer an der Spitze einer kriminellen Organisation zu sein.“ Vielmehr hätten andere Bandenmitglieder ihn beschuldigt, um sich Vorteile in Strafverfahren zu verschaffen. Er leugnete, noch in den Menschenschmuggel involviert zu sein, und bestritt jegliche Verantwortung für Todesfälle im Zusammenhang mit den Bootspassagen. Das BBC-Team wertete dies als eine Schutzbehauptung und zeichnet das Bild eines Mannes, dem es hauptsächlich um den Profit gehe.

Was die BBC am Beispiel des ‚Skoprions‘ beschrieb, ist die Fernsteuerung eines Netzwerks, das wie eine Mafia funktioniert. Majeed kam zu einem Zeitpunkt ins Geschäft, als der Schmuggel fast ausschließlich per Lastwagen stattfand und das an wechselnden Standorten gebildete Camp in Grande-Gynthe (später Loon-Plage) bereits eine lokale Basis unter der Kontrolle eines kurdisch-iraktischen Netzwerks war. Damals bereits galt der (nächtliche) Alltag in dem Camp als gewalttätig, es gab Berichte über sexualisierte Gewalt, Präsenz von Waffen und ein faktisches Wegschauen der lokalen Polizei, sodass ein rechtsfreier Raum entstehen konnte. Majeeds Netzwerk muss es also verstanden haben, von der Passage per Lastwagen auf die im Herbst 2018 erstmals sichtbare Passage per Boot umzusteigen. Obschon diese zunächst auch selbstorganisiert von Geflüchteten stattfand, bedeutete dies eine enorme Erweiterung des Markvolumens, weil es die Grenzpassage einer sehr viel größeren Zahl von Personen ermöglichte. Majeed dürfte Recht haben, wenn er sagt, dass er nicht als einziger Akteur aus der Distanz profitierte.

Das Geschäft aus der Ferne ist jedoch auf effektives und diszipliniertes Personal angewiesen, das unter Verfolgungsdruck eine Vielzahl von Arbeiten im Küstengebiet und entlang der Lieferkette der Boote ausführt. In Mitchells und Lawries Podcast sind Mitschnitte interner Telefonate zu hören. Sie belegen, dass Majeed einen präzisen Überblick über die Vorbereitung und den Ablauf der von ihm verantworteten Bootspassagen besaß. Ein britischer Ermittler bekundete seinen Respekt für die Effektivität dieser Fernsteuerung. Um so agieren zu können, ist es jedoch immer auch erforderlich, gegenüber dem eigenen Personal, aber auch gegenüber Partner_innen und Kund_innen, Disziplin durchsetzen zu können. Die Androhung von Gewalt und Tod liegt in einer solchen Struktur nicht fern.

Arbeitsteilung vor Ort: Die Recherche von Sophie Watts

Kurz bevor die BBC die ersten Folgen ihres Scorpion- Podcasts online stellten, beschrieb die an der Universität Sheffield lehrende Migrationsforscherin Sophie Watt die Arbeitsweise des Schleusernetzwerks im Jungle von Loon-Plage. Ihr Beitrag (Ce que des réfugiés du nord de la France m’ont appris sur la traversée de la Manche: les passeurs) im Magazin The Conversation beruht auf Recherchen in Nordfrankreich und Gesprächen mit Menschen, die bereits ihre Überfahrt geschafft hatten und damit dem unmittelbaren Kontrolldruck entkommen waren, dem sie im Jungle ausgesetzt gewesen waren.

„Mir wurde schnell klar“, so schreibt sie, „dass das Camp in Loon Plage von irakisch-kurdischen Schleusern ‚betrieben‘ wurde, die auch die Stadt Grande-Synthe infiltriert hatten und das Monopol auf Bootsüberfahrten in diesem Teil der Küste des Pas-de-Calais besaßen. Die mafiöse Organisation, der sie angehören, ist strukturiert und läuft wie geschmiert.“ An diesem Punkt greift ihre Recherche mit der von Mitchell und Lawrie ineinander. Der Unterschied ist jedoch: Während diese die Hierarchie vertikal ausleuchteten, indem sie sich auf die Suche nach der Person an der Spitze machten, beleuchtet Watt das Netzwerk horizontal. Sie nimmt daher eher Personen in den Blick, die Aufgaben vor Ort übernehmen. Inwiefern sie dabei als Teil der mafiosen Struktur handeln oder über eigene Handlungsspielräume verfügen, bleibt dabei eher unklar.

Watt beschreibt das arbeitsteilige Verhältnis zwischen passeurs (lokal tätigen Schleusern), rabatteurs (Anwerbern), organisateurs (Organisatoren) und permanents (dauerhaft im Camp anwesenden Personen). Letztere hätten sich „entschieden, in der Region zu bleiben“. Meist betrieben sie informelle Shops, oder kümmerten sich auf andere Weise um das Camp, betreuen Exilierte, die für ihre Überfahrt bezahlt haben, und kontrollieren das Kommen und Gehen. Dabei dienten die Shops auch als Zahlstellen und zur Rekrutierung von Arbeitskräften.

Zu solchen Arbeitkräften in untergeordneter Position zählt Watts die rabatteurs, was sich auch mit Kundenfänger übersetzen lässt. Sie arbeiten „in der Regel zwischen Calais und Grande-Synthe, um Geflüchtete anzuwerben, die allein angekommen sind und übersetzen wollen“. Im Camp gebe es „wenig Freiheit“ und „jeder Exilierte ist einem rabatteur zugeordnet, der für einen oder zwei passeurs arbeitet“, die wiederum „verschiedene Strandabschnitte entlang der Küste für sich beanspruchen und miteinander konkurrieren, um mehr Kunden zu bekommen.“ Andere rabatteurs leisteten Zuarbeit „aus anderen Städten und Ländern in Afrika und dem Nahen Osten.“ Außerdem versuchten rabatteurs, Exilierte als Steuerleute der Boote zu rekrutieren. „Da es schwierig ist, Bootsführer zu finden, werden sie manchmal zusätzlich zu der kostenlosen Überfahrt bezahlt.“ Neben rabatteurs arbeiten die organisateurs, „die jeden Konvoi von Exilierten in der Nacht der Überfahrt an den Strand begleiten und bei ihnen bleiben, während sie auf die Boote warten“.

Vor den Abfahrten teilt der passeur die Exilierten zu einer Gruppe ein, die sich dann zu den Ablegestellen bewegt und versteckt auf das Boot wartet. „Meine Gruppe bestand aus 55 Personen und im Wald warteten über 250 Personen vier Tage lang, weil fünf passeurs dort ihre Gruppe hatten. In unserer Gruppe waren auch Frauen und Kinder, und wir hatten vier Tage lang nichts zu essen. Es regnete, das Wetter war schlecht und die Wellen waren hoch. Eines der Boote ist bei der Abfahrt umgekippt“, berichtete ein früherer Bootspassagier der Autorin.

Watts beschreibt nicht nur ein arbeitsteiliges System, sondern arbeitet auch heraus, dass die Exilierten in jeder Phase einem enormen Kontrolldruck unterworfen sind, wobei die Art und Weise, wie dies geschieht, durchaus variabel ist. So komme es vor, dass auch die Gruppen, die sich zu den Ablegestellen aufmachen, „von Banden infiltriert sind, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge nicht für die Polizei arbeiten oder Journalisten informieren.“ Im Camp mit ihr zu sprechen, so Watts, konnte Menschen potenziell in Gefahr bringen.

In ihren Erinnerungen an die Zeit im Camp sprachen „alle über die nächtliche Gewalt und die Tatsache, dass die irakisch-kurdische Mafia schwer bewaffnet ist.“ Ein junger Mann berichtete etwa, er habe im Camp keinen Schlaf finden können, „weil nachts, wenn die NGOs und Hilfsorganisationen fort sind, die passeurs und Helfershelfer reden und streiten und ihre Waffen ziehen“.

Um das enorme Marktvolumen der Kanalroute zu schätzen, stellt Watts eine durchaus plausible Rechnung an. „Wenn man einen Durchschnitt aus den Preisen für die Überfahrten, die je nach Nationalität der Menschen variieren (im Durchschnitt etwa 2.600 Euro), und der Anzahl der Überfahrten pro Jahr bildet, belaufen sich die Gewinne auf etwa 100 Millionen Euro im Jahr 2023 und 118 Millionen Euro im Jahr 2022.“ Ein ähnliches Preisniveau dokumentiert auch der Beitrag Mit offenen Daten des Senders Arte, in dem ein in Nordfrankreich tätiger irakischer passeur auf Tiktok seine Dienste anbietet und auf Nachfrage je nach Nationalität unterschiedliche Preise für einen Platz auf einem Schlauchboot aufruft.

Eine Dopplung struktureller Gewalt

Mitchell, Lawrie und Watt leuchten jeweils einen anderen Bereich des Schleusens aus. Ihre Recherchen fügen sich ineinander und decken sich weitgehend mit Informationen und Annahmen, die wir im Laufe unserer dokumentarischen Arbeit sammeln konnten.

In populistischen Zeiten mag es opportun erscheinen, Migration zu skandalisieren, Schleusungen zu dämonisieren und Akteure wie den „Skorpion“ zu Hauptgegnern zu stilisieren, denen dann die Verantwortung für Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Todesfälle zugeschrieben wird. Doch eine solche pauschale Zuschreibung ist ein Verschwörungsnarrativ. Denn es lässt außer Acht, was den Kern des Geschäfts bildet: die Verschließung der Grenze bei gleichzeitigem Bedarf an Mobilität. Was die Netzwerke kapitalisieren und was ihre Profitabilität auf Dauer gewährleistet, ist die restriktive Migrationspolitik. Beides, restriktive Migrationspolitik und Bekämpfung professioneller Schleusernetzwerke, steht in einem Zielkonflikt zueinander. Umgekehrt wäre eine offenere Migrations- und Grenzpolitik der Schlüssel, um das Geschäftsmodell für Schleusungen durch die Mechanismen des Marktes unprofitabler zu machen.

Solange dies nicht geschieht, tragen auch die in den beiden aktuellen Recherchen herausgearbeiteten Strukturen zu den brutalen Verhältnissen am Ärmelkanal bei. Neben der Gewalt, die aufgebracht wird, um die Anfahrten der Boote zu verhindern, steht die Gewalt, die aufgebracht wird, um von den Booten zu profitieren.