Kategorien
Corona Grande-Synthe

Erste Räumungen wegen Corona in Grande-Synthe

Wie die Auberge des Migrants am 15. April und Medicins du Monde Hautes-de-France am 16. April über Facebook berichteten, fanden am Mittwoch, dem 15. April morgens die ersten Räumungen des Camps in der Ruine La Linière in Grande-Synthe statt (zu Abgrenzung von Räumung, Evakuierung und Auflösung siehe hier).

Die Polizei sei am Morgen des 15. April erschienen und habe die Bewohner_innen von drei Hallen gezwungen, diese zu verlassen. In zwei voll besetzten Bussen seien die Bewohner_innen dann in eine Unterkunft in der Nähe von Lille gebracht worden. Einige unbegleitete Minderjährige seien in eine Unterkunft in Lomme, ebenfalls in der Region Lille, gekommen.

Somit scheinen sich nun – nachdem anfangs nur die auch von den zivilgesellschaftlichen Organisationen geforderten Evakuierungen stattgefunden haben – Befürchtungen zu bestätigen, dass auch Zwang angewandt wird (siehe hier). Schon vor der Räumung von La Linière war es zu Schikanen durch die Polizeieinheit CRS gekommen. So berichtete die Auberge des Migrants am 14. April über Facebook über die Zerstörung einer Steckdose durch einen CRS-Beamten. Diese war zuvor installiert worden, damit die Migrant_innen dort Zugang zu elektrischem Stom hatten und zum Laden ihrer Smartphones nicht die Gleise einer vorbeiführenden Bahnstrecke überqueren müssten.

Zerstörte provisorische Steckdose in La Linière (Foto: Auberge des Migrants)

Die Organisation Medicins du Monde Hauts-de-France äußerte ihr Unverständnis über die gewaltsame Räumungsaktion.  Bis dahin hätten ca. 600 Migrant_innen in La Linière gelebt und erste – wenn auch deutlich zu wenige – sanitäre Anlagen seien installiert worden, so z.B. 26 Duschen. Nach der Räumung lebten noch 150 – 200 Personen dort. Etwa 200 hätten La Linière nach der Räumung auf eigene Faust verlassen und sich auf mindestens sechs unterschiedliche Standorte verteilt, einige davon in Puythoeck, einem nahegelegenen Freizeit- und Waldgelände,  in dem es seit mehreren Jahren Camps gibt. Das Vertrauen sei zerstört worden.

Wie die Auberge des Migrants weiter berichtet, sind nun drei von sechs Hallen des La Linière-Komplexes geräumt. Die Migrant_innen hätten nach eigenen Angaben nicht einmal genug Zeit gehabt, um ihre persönlichen Sachen mitzunehmen; einige hätten selbst die Schuhe zurücklassen müssen. Fotos zeigen die geräumten und von Müll übersäten Hallen. Neue Zelte für diejenigen, die geblieben waren, hätten aber bereits am 17. April durch Spenden wieder zur Verfügung gestanden.

Halle von La Linière in Grande-Synthe nach der Räumung am 15. April 2020. (Foto: Auberge des Migrants)

Bereits vor einigen Jahren hatten die staatlichen Behörden die Hilfsorganisation AFEJI mit der Betreuung eines 2016 eingerichteten und 2018 niedergebrannten Hüttenlagers mandatiert, das sich in einem Teil des Gebäudekomplexes und auf einem benachbarten Gelände erstreckte und ebenfalls La Liniére hieß. Die Organisation ist auch heute in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen tätig. Nach eigener Darstellung beschäftigt sie 3000 Mitarbeiter_innen und ist ein im gesamten Departement Nord tätiger gemeinnütziger, politisch und religiös unabhängiger Verein. Die Hauptschwerpunkte liegen im sozialen, gesundheitlichen und medizinisch-sozialen Bereich insbesondere bei körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, Verhaltensstörungen, familiären und sozialen Behinderungen und psychischen Leiden. Ebenfalls betreibt sie ein CADA (Centre d´Accueil pour Demandeurs d´Asile – Aufnahmezentrum für Asylbewerber) in Dunkerque mit 90 Plätzen. Weitere Aktivitäten im Bereich Geflüchteter finden sich auf der Homepage des Vereins nicht. In La Linière verteilte AFEJI nun das folgende Flugblatt der Präfektur des Departements Nord in englischer und arabischer Sprache. Darin werden tägliche Abfahrten vom Eingangs des Camps in sichere Unterkünfte angekündigt.

Doch es heißt auch: „You must go“. Die befehlsartige Wortwahl deutet darauf hin, dass in Zukunft mit weiteren erzwungenen Räumungen zu rechnen sein wird.

Flugblatt der zuständigen Präfektur, 15. April 2020 (Quelle: Medicins du Monde Hauts-de-France)