In diesem Winter registrieren belgische Behörden, dass vermehrt Boote von dort aus nach Großbritannien in See stechen. In der Nordsee wiederholt sich damit ein Phänomen, das wir in den vergangenen Jahren immer wieder beobachten konnten, nämlich eine Ausweitung der Kanalroute zur Picardie und Normandie im Westen und nach Flandern im Osten. Belgien reagiert mit verstärkter Küstenüberwachung.
Dass Bootspassagen auch an der belgischen Küste beginnen, ist nicht völlig neu; bereits in der Vergangenheit gab es Phasen, in denen belgische Medien hierüber berichteten. Eine solche Phase ist der Ende gehenden Winter 2026.
„Die belgische Polizei teilte mit, dass in den letzten Wochen vor Küstenstädten wie De Panne, Koksijde und Nieuwpoort Aktivitäten mit kleinen Booten beobachtet wurden“, berichtete die BBC am 1. März. So seien am Abend des 24. Februar am Strand von Oostduinkerke 22 Migrant:innen aufgebrochen und am 25. Februar am Yachthafen von Nieuwpoort 15 Personen aufgegriffen worden, die ein aufblasbares Boot, einen Bootsmotor und Benzin dabei hatten. Seit Jahresbeginn seien an der belgischen Küste mindestens fünf Überfahrten registriert worden, im Vergleichszeitraum des Vorjahres (je nach Bericht auch im gesamten Vorjahr) keine einzige. Dabei würden Schleuser sogenannte Taxiboote einsetzen, die entlang der belgischen Küste Migrant:innen aus dem flachen Wasser aufnähmen und dann weiter nach Frankreich führen. „Die Polizei vermutet“, so der Sender weiter, „dass der jüngste Anstieg auf den erhöhten Druck auf Schleuser in Frankreich zurückzuführen ist.“
In den Tagen nach dem BBC-Bericht meldeten belgische Medien weitere Vorkommnissen, die den Trend zu bestätigen scheinen. So habe die Locale Politie Westkust in der Nacht zum 3. März acht mußmaßliche Schleuser und sieben Migrant:innen aufgegriffen. „Es handelt sich um verschiedene Banden, die mit mehreren Autos in Nieuwpoort, Koksijde und Oostduinkerke unterwegs waren. Da das Wetter nun wärmer und ruhiger ist, rechnet die Polizei mit weiteren Versuchen, Transmigranten in Booten nach Großbritannien zu schicken“, berichtet der flämische Rundfunk VRT. Die den Schleusern zugeordneten Fahrzeuge hätten französische, polnische und deutsche Kennzeichen gehabt.
Die belgischen Behörden reagieren mit einer verstärkten Überwachung potenzieller Ablegestellen und ihrer Zuwege. „An der Küste wurden Hindernisse wie Stahlbetonblöcke aufgestellt, um Fahrzeugen mit Anhängern, die ‚small boats‘ transportieren, den Zugang zu den Dünen und Stränden zu erschweren. Belgien hat außerdem bei Polizeipatrouillen den Einsatz von Nachtsichtgeräten und Wärmebildkameras verstärkt, um möglichst viele Migranten abzufangen, die sich auf den Weg nach Großbritannien machen“, fasst InfoMigrants zusammen.
In dieselbe Richtung zielt auch der Gouverneur der Provinz Westflandern, Carl Decaluwé. „Das Problem ist groß und nimmt weiter zu. Wir müssen so schnell wie möglich eingreifen,“ sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Belga. Momentan sei noch eine Lagebewertung im Gange, doch würde die föderale Polizei die lokalen Polizeien mit zusätzlichen Einsatzkräften unterstüten.
Außerdem stellte die britische Regierung 1,3 Millonen Pfund (knapp 1,5 Millionen Euro) zur Verfügung. Über die Verwendung der Mittel ist nur vage bekannt, dass sie der Strafverfolgung in Belgien dienen sollen. Beide Staaten hatten ihre Zusammenarbeit zuletzt am 12. Dezember 2025 mit einer gemeinsamen Erklärung unterstrichen, die jedoch keine explitit formulierten finanziellen Zusagen enthält (siehe hier). Ob diese dennoch die Grundlage für die Zusicherung der genannten Summe ist, bleibt unklar.
Wie relevant Belgien für die Bootspassagen nach Großbritannien in den nächsten Monaten sein wird, lässt sich momentan nicht seriös abschätzen. Zwischen dem 1. Januar und 3. März 2026 registrierten die britischen Behörden die Ankunft von insgesamt 2.209 Personen in 38 Booten – etwas weniger als in den drei Vorjahren (2023: 2.953 Personen in 73 Booten; 2024: 2.582 Personen in 56 Booten; 2025: 2.898 Personen in 54 Booten). Wie beobachten in diesem Winter also einen Rückgang der Bootspassagen, von dem wir nicht wissen können, ob er durch längere witterungsbedingte Unterbrechungen bewirkt wurde oder einen längerfristigen Trend darstellt. Das verstärkte Ausweichen auf Belgien könnte mit einem solchen Trend zu tun haben. Aber: Selbst wenn wir annehmen, dass alle fünf von den belgischen Behörden registrierten Fälle tatsächlich zu erfolgreichen Bootspassagen führten, also überhaupt in die britische Zählung eingingen, so liegt ihr Anteil bei maximal 14 % der Boote, wahrscheinlich aber deutlich darunter. Die Abfahrten ab Belgien bleiben trotz ihrer Zunahme eine Randerscheinung.
Für die Begroffenen birgt sie jedoch größere Risiken. Die von der belgischen Küste zurückzulegende Strecke beträgt rund 100 Kilometer und damit etwa das Zweieinhalbfache der Distanz bei Calais. „Die meisten Migranten waten zu den Booten, die sie mitnehmen, sodass sie schon vor der Abfahrt bis zur Brust durchnässt sind. Die Boote sind überfüllt und sie überqueren die verkehrsreichste Schifffahrtsstraße der Welt. Das ist in jeder Hinsicht extrem gefährlich“, zitiert BBC einen Pensionär der Küstenwache von Dover.