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Channel crossings & UK

Erstes Abfangmanöver auf See

Zum ersten Mal wurde das Abfangen eines Schlauchboots im küstennahen französischen Gewässer dokumentiert. Bereits im Januar war ein ähnliches Manöver auf einer Binnenwasserstraße durchgeführt worden (siehe hier). Zeitgleich mit der jahreszeitlichen Intensivierung der Bootspassagen wird damit eine neue, riskante Einsatzdoktrin der französischen Behörden sichtbar. Bis dahin war das aktive Stoppen bereits im Wasser befindlicher Schlauchboote ohne Vorliegen einer Notsituation ein rechtliches Tabu gewesen.

Lange war unklar geblieben, wie Frankreich die Großbritannien zugesagte Änderung der Einsatzrichtlinien für Polizei und Gendarmerie an der nordfranzösischen Küste umsetzen würde. Am 17. Januar 2026 dokumentierten die NGO Utopia 56 und die BBC erstmals das aktive Stoppen eines Schlauchboots auf dieser veränderten Grundlage, und zwar auf dem kanalisierten Fluss Aa in der Gemeinde Gravelines. Die Wasserstrasse wird von sogenannten Taxibooten befahren, bevor sie an nahegelegenen Stränden die übrigen Passagier:innen an Bord nehmen. Auch zuvor waren Fälle bekannt geworden, in denen französische Sicherheitskräfte Schlauchboote im küstennahen Wasser aufgestochen hatten, allerdings geschah dies entgegen der geltenden Einsatzdoktrin.

Am 3. März wurde nun ein ähnlicher Fall dokumentiert wie auf dem Aa-Kanal, diesmal jedoch im Meer. „Ein Boot – diesmal mit einem Dutzend Menschen an Bord – wurde vor der Küste von Gravelines auf See gestoppt. Das Boot wurde in den Hafen geschleppt und die Personen von der Grenzpolizei festgenommen“, berichtet Utopia 56. Die Organisation weist darauf hin, dass die Behörden die von ihnen selbst definierten Voraussetzungen für ein solches Abfangen nicht beachtet hätten: „Die Aufgriffe auf See sollten auf Boote mit weniger als 10 Personen an Bord beschränkt sein, um das Risiko des Kenterns oder Untergehens zu verringern. Gestern waren es zwischen 12 und 15 Personen“.

Auch die Regionalzeitung La voix du Nord berichtet über den Vorfall: „Am 3. März gegen 9 Uhr griff die Gendarmerie maritime auf See ein, um ein Schlauchboot vom Typ ‚Taxi-Boot‘ in Höhe von Petit-Fort-Philippe zu stoppen. Zwölf Migranten befanden sich ohne Schwimmwesten an Bord.“ In einem Schnellverfahren sei der Steuermann des Bootes zu einer 18monatigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt worden. Ein weiterer Angeklagter, der sich auf demselben Boot befand, erhielt wegen Verstoßes gegen ein Aufenthaltsverbot eine sechsmonatige Haftstrafe und ein zehnjähriges Einreiseverbot.

Das aktive Abfangen eines Schlauchboots auf See ohne Notsituation wird von zivilgesellschaftlichen Akteuren strikt abgelehnt. Es erfordert, so die Utopia 56, „heikle Manöver mit kleinen, schnellen Booten, die Wellen verursachen können (typisch für die Vorgehensweise der griechischen Küstenwache), aber auch Panik unter den Passagieren auslösen können, wodurch das Boot kentern könnte.“ Auch das Abschleppen und Anlegen eines Bootes sind „kritische Momente, in denen die Gefahr besteht, dass Personen ins Wasser fallen.“ Wiederfährt dies mehreren Personen glichzeitig, kann die Rettung schwierig werden, „insbesondere wenn kein Rettungsboot mit geschulter Besatzung in der Nähe ist“. Utopia 56 befürchtet etwa „Verletzungsgefahr durch laufende Motorpropeller“ und das Ertrinken von Menschen, die unter das instabile Boot geraten. Mehrmals sei es bei Anfangmanövern im französischen Überseegebiet Mayotte zu Todesfällen gekommen, auch in jüngster Zeit. „Diese Einsätze sind gefährlich, und die Präfektur weiß das.“ Das Aufbringen der Boote müsse daher dringend beendet werden, „bevor sich ein neues Drama ereignet – an der französisch-britischen Grenze ebenso wie in Mayotte. Die Rettung muss weiterhin Priorität haben. Ohne sichere Passagen für alle bleiben gefährliche Überfahrten für Tausende von Menschen die einzige Hoffnung.“

Mit den besseren Witterungsbedingungen nimmt die Zahl der Überfahrten derzeit wieder zu. „Seit gestern haben unsere Teams vier Notrufe von behelfsmäßigen Booten im Ärmelkanal erhalten, mit durchschnittlich mehr als 90 Menschen an Bord“, so Utopia 56 am 6. März: „Wir haben gestern nach gescheiterten Versuchen mehr als 300 Menschen in Not in Strandnähe getroffen. Fast alle werden es morgen oder in den kommenden Tagen erneut versuchen.“ Die Seepräfektur für den Ärmelkanal und die Nordsee meldete allein für den 3. März die Rettung von 89 Menschen, darunter drei Verletzten. Am selben Tag registrierten die britischen Behörden die Ankunft von drei Booten mit 204 Menschen, am folgenden Tag von vier Booten mit 275 Menschen.