Opal´ Exil ist eine neue zivilgesellschaftliche Organisation, die im Raum Boulogne, im Süden der Côte d’Opale, aktiv ist. Im Lauf der letzten fünf Jahre wurde diese Region für Bootspassagen immer wichtiger. Im Interview stellt Mitbegründerin Brigitte Duhen Opal´ Exil vor und berichtet von der Situation an diesem Teil der Küste. Das Gespräch bietet aber auch Einblicke in die breitere Entwicklung auf der Ärmelkanal-Migrationsroute.

Kannst du Opal´ Exil kurz vorstellen?
Opal´ Exil ist eine association, genauwie Osmose 62. Der Unterschied liegt darin, wie wir zusammenarbeiten. Wir waren zehn Leute, die die Zusammenarbeit innerhalb von Osmose 62 schwierig fanden. Also entschieden wir eine neue association zu gründen. Unsere Haupt-Aktivität besteht darin, an den Stränden zu patrouillieren, und Menschen zu helfen, die wir dort nach gescheiterten Überfahrten antreffen. Also genau wie Osmose, aber wir arbeiten besser zusammen und treffen Entscheidungen gemeinsam.
Also waren alle Mitglieder vorher bei Osmose 62?
Ja. Viele von Osmose sind nun bei uns, bei Opal´ Exil. Wir haben das gleiche Objektiv, wir setzen uns für Geflüchtete ein, und es gibt viel zu tun. Wenn es Überfahrten gibt, machen wir maraudes entlang der Strände und kümmern uns um die Menschen, die wir dort antreffen. In diesem Jahr (Anmerkung: 2025, das Interview wurde kurz vor Silvester geführt) trafen wir deutlich mehr an als im letzten. In diesem Jahr probierten es sehr viele Menschen vom Süden aus, etwa in Hardelot.
Wann hat Opal´ Exil angefangen?
Im April.

Das Einsatzgebiet ist also auch um Boulogne herum?
Ja, die Küste von Wissant bis Berck. (Anmerkung: gut 60 Kilometer.) Ein neues Objektiv ist jetzt, dass wir in die Camps gehen, im Wald, wenn wir wissen, dass Geflüchtete dort schlafen. Zum Beispiel hielten sich letzten Sommer etwa 200 Leute im Wald nahe meines Wohnorts auf. Wir wissen, dass sie dort im Wald sind, sie haben kein Essen, kein Trinken, kein Zelt, keine Decke. Auch wenn unser Fokus vor allem auf den Stränden liegt, beschlossen wir, dass wir ihnen helfen müssen. Also gingen wir in den Wald, mit Tee und so weiter.
Diese Camps sind also im Wald, bei Equihen und Hardelot (Anmerkung: Küstendörfer im Süden von Boulogne-sur-mer)?
Ja, Hardelot, Equihen, Écault, Étaples, Ste Cécile. In diesem Sommer, vorher nicht. In diesem Sommer kamen zum ersten Mal Geflüchtete in den Süden von Boulogne. Nicht Wimereux, nicht Ambleteuse (Anmerkung: Küstendörfer hinter den Dünen nördlich der Stadt, von wo seit Jahren viele Überfahrten stattfinden). Weil es dieses Jahr zum ersten Mal nicht viele small boats gab, also Boote, die Geflüchtete zum Meer tragen und dann hineinklettern. Aber dieses Jahr gab es zum ersten Mal viele Taxi-Boote.
Wie lange blieben die Menschen dann in den Dünen, um auf ein Boot zu warten?
Manchmal zwei Nächte, oder im Wald vier, fünf, aber manchmal auch eine Woche oder mehr.

Wie viele Menschen halten sich in so einem Camp etwa auf?
In der Nähe meines Wohnorts zum Beispiel im Wald waren es 200. Mit Kindern, mit Babies.
Wie behandelt die Polizei sie?
Sie kommen nur, um zu gucken, aber sie setzen kein Pfefferspray ein oder ähnliches.
Wie funktioniert das mit den Taxi-Booten genau?
Sie kommen aus dem Süden, zum Beispiel der Normandie, aus Dieppe, und Geflüchtete warten dann südlich von Boulogne. Wenn die Taxi-Boote kommen, gehen sie ins Wasser und klettern in die Boote. Das war dieses Jahr zum ersten Mal so. Die Taxi-Boote sind größer als die small boats, ich denke, dass sie etwa 70 Personen an Bord haben. Die Polizei kann nicht ins Wasser gehen (Anmerkung: um die Boote am Abfahren zu hindern; das soll sich künftig ändern). Zum Beispiel sah ich im August am Strand von Hardelot fünf Taxi-Boote gleichzeitig.
Die Taxi-Boote sind also immer größer als die bisherigen Modelle?
Ja. Auf einem small boat waren es 40, 50, 60 Menschen, aber auf einem Taxi-Boot sind es 70.
Sind es die gleichen Organisationen, die die Taxi-Boote einsetzen?
Ich denke schon. Die Schleuser haben letztes Jahr (Anmerkung: 2024) begriffen, dass es für die Geflüchteten schwierig war, mit dem Boot über den Sand zu laufen, weil dann die Polizei eingriff. Deswegen konnten dieses Jahr so viele Menschen den Kanal überqueren.
Es gab auch im südlichen Teil, wo Opal´ Exil agiert, zuletzt keine Überfahrten.
Nein, weil das Wetter nicht gut ist. Seit etwa fünf Wochen haben wir zuviel Wind und Wellen. Dann ist es unmöglich von dort überzusetzen, es dauert zu lange. Es sind also keine Geflüchteten hier, und wenn sie versuchen, den Kanal zu überqueren, ist es nur von Calais nach Dover, weil die Entfernung dort sehr kurz ist. Wenn es nur drei Stunden gibt, in denen die Überfahrt möglich ist, geht das von Calais aus, aber nicht von Boulogne. Das dauert zu lange. Die Taxi-Boote fahren in nördlicher Richtung die Küste hoch, und dort, wo die Distanz nicht groß ist, setzen sie über. Manchmal gibt es nur fünf Stunden, in denen es möglich ist. Das ist sehr kurz, daher müssen sie direkt vor der britischen Küste übersetzen. Seit Anfang Dezember ist das Wetter für Überfahrten von Boulogne aus zu schlecht, und die Wellen zu viele. Nur zwischen Dover und Calais/ Dunkerque ist der Abstand kurz, und die Wellen nicht so hoch.

Wir hörten neulich, dass mehr und mehr Menschen die Überfahrt von Dieppe aus probieren.
Ja. Auch Taxi-Boote legen dort ab. In der Gegend von Dieppe starten die Taxi-Boote, vielleicht mit zwei Personen, und dann nehmen sie andere Leute an Bord.
Wie wird sich die Situation in 2026 entwickeln?
Zunächst mal ist die Situation im Vereinigten Königreich sehr kompliziert. Ich kenne viele, viele syrische Menschen, die seit über einem Jahr dort auf Asyl warten. Leute aus Syrien setzen derzeit nicht über, sondern aus Jemen, Palästina, Sudan, Eritrea, Irak, Kurdistan.
Dann denke ich, dass es innerhalb eines Jahres unmöglich sein wird nach Großbritannien überzusetzen. In einem Jahr wird es vorbei sein, weil das Leben für englische Leute schwierig ist. Junge Leute keine Wohnung finden weil es zu teuer ist, oder sie haben keine Arbeit. Und so viele Geflüchtete warten auf Asyl im Vereinigten Königreich.
Und diese Situation in Großbritannien verursacht soviel Druck, dass Überfahrten unmöglich werden?
Ja. Europa ist dabei sich abzuschotten. Frankreich, Deutschland, Italien, vielleicht ist es in Spanien noch ein bisschen anders. Auch das Vereinigte Königreich ist dabei dichtzumachen.