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Calais

Tod im Hafen

Am frühen Morgen des 25. Mai 2020 wurde am Fährhafen von Calais die Leiche eines jungen Mannes entdeckt – vermutlich eines Geflüchteten bei seinem Versuch, nach Großbritannien zu gelangen. Wenn sich diese Vermutung bestätigt, so wäre es der erste dokumentierte Todesfall im unmittelbaren im Kontext des kontinentaleuropäisch-britischen Migrationsregimes seit Jahresbeginn.

Das Wissen um den aktuellen Fall ist noch lückenhaft. Wie die Regionalzeitung La voix du Nord am 26. Mai berichtete, hatte zuerst eine Fähre den leblos im Wasser treibenden Körper gesichtet und die Hafenbehörden verständigt, die eine Suche einleiteten. Daraufhin wurde die Leiche eines Mannes im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, gefunden, bei dem es sich „sehr wahrscheinlich“ um einen Migranten handele. Der Sender Radio 6 ergänzte am gleichen Tag, der Zustand der Leiche lasse vermuten, dass die Person „möglicherweise schon einige Zeit im Wasser gelegen“ habe. Die Leiche sei zur Autopie nach Lille gebracht worden. Als Fundort geben die beiden Medienquellen den „hangar [Halle] Paul-Devot“ bzw. die „écluse [Schleuse] Carnot“ an.

Diese beiden Orte befinden nicht an den Ablegestellen der Fähren oder auf der Seeseite des Hafens, sondern in einem zur Innenstadt von Calais hin gelegenen Binnenbereich, von dem aus die historischen innerstädtischen Quais abzweigen. Seitlich der Schleuse beginnen zugleich die Hochsicherheitszäune, die das Hafenareal vor Migrant_innen abschotten. Es erscheint daher denkbar, dass das Opfer versucht haben könnte, zu einer Fähre oder zu den Fährablegern zu gelangen. Versuche, das stark überwachte Hafengelände oder eine Fähre kletternd oder schwimmend zu erreichen, sind in der Vergangenheit wiederholt vorgekommen.

Die Zahl der Todesfälle scheint momentan wohl aufgrund der vergleichsweise sicheren Bootspassagen über den Ärmelkanal tendenziell zurückzugehen (siehe hier). Gleichwohl sind im Kontext der kontinentaleuropäisch-britischen Migration seit den ausgehenden 1990er Jahren etwa 275 Menschen zuzüglich eines Dunkelfeldes gestorben (vgl. Timeline). Die meisten Fälle ereigneten sich 2015/16 parallel zur bislang höchsten Zahl der in Calais und Grande-Synthe lebenden Migrant_innen. Danach kam bis Ende 2019 im Durchschnitt ein Mensch im Monat ums Leben, meist bei Versuchen sich in Lastwagen zu verstecken (nicht eingerechnet die 39 vietnamesischen Arbeitsmigrant_innen, die am 23. Oktober 2019 erstickt in einem Kühlcontainer bei London entdeckten worden waren). Die bislang letzten Todesfälle im unmittelbaren Zusammenhang mit der Grenzsituation ereigneten sich in Frankreich in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2019, als in seinem Zelt im Jungle von Calais ein 24 Jahre alter Mann aus Nigeria an einer Kohlenmonoxidvergiftung starb, und in Belgien am 20. Dezember 2019, als ein 28jähriger Mann aus Äthiopien an der Autobahn bei Tournai den Tod fand.

Unklar ist, inwiefern der Tod eines 56 Jahre alten Sudanesen, dessen Leiche am 9. Januar 2020 auf dem Gelände des 2016 geräumten bislang größten Jungle von Calais gefunden wurde und der inzwischen über französische Papiere verfügte, mit der jahrelang erlebten Prekarität zu tun hat. Ein solcher Zusammenhang wird von der Gruppe Calais Migrant Solidarity vermutet, ebenso wie beim Tod eines Jugendlichen, der zeitweise als unbegleiteter Flüchtling in den Camps in Grande-Synthe gelebt hatte, Anfang März auf einer Bahnanlage in Metz.

Update, 7. Juni 2020:

Wie wir gestern in Calais erfuhren, konnte die Identität des Toten aufgrund des Zustandes der Leiche nicht geklärt werden. Diese muss sich über einen längeren, aber nicht genauer bestimmbaren, Zeitraum unter Wasser befunden haben. Es gilt als sicher, dass es sich um einen Migranten handelt. Die Leiche wurde, wie bereits frühere Grenztote unbekannter Identität, in einem anonymen, nur mit einer Nummer versehenen Grab in Calais beigesetzt. Wie in ähnlichen Fällen hielten solidarische Gruppen vor dem Gefallenen-Ehrenmal in der Calaiser Innenstadt eine Gedenk- und Protestkundgebung ab.