Während des Staatsbesuchs des britischen Premierministers Keir Starmer in der Volksrepublik China vereinbarten beide Staaten eine Zusammenarbeit bei der Vorfeldbekämpfung der Migration auf der Kanalroute. Die zwischenstaatliche Vereinbarung, die nicht im Wortlaut veröffentlicht wurde, zielt auf die Unterbrechung der Lieferkette für Bootsmotoren, Bootszubehör und Bauteile chinesischer Produktion. Sie reiht sich ein in eine Folge ähnlicher Vereinbarungen mit Drittstaaten, doch ihr Einfluss auf das Geschehen am Ärmelkanal dürfte minimal sein.
Wie aus einer Pressemitteilung der britischen Regierung vom 28. Januar 2026 hervorgeht, scheint das Abkommen nach dem „Treffen des Premierministers mit Präsident Xi Jinping und Premierminister Li Qiang“ am selben Tag in Peking unterzeichnet worden sein.
Die Regierung weist in ihrer Erklärung darauf hin, dass im Jahr 2025 etwa 60 Prozent der am Ärmelkanal eingesetzten Bootsmotoren chinesischer Herkunft gewesen seien. Ausserdem würden chinesische Teile (parts) für Schlauchboote verwendet, die es Scheusern ermöglichten, über hundert Personen unter lebensgefährlichen Bedingungen zu transportieren.
Der eigentliche Inhalt des Abkommens ist hingegen nur vage umrissen: „Im Rahmen des Abkommens werden britische Strafverfolgungsbehörden mit chinesischen Behörden zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Motoren und Ausrüstung der small boats, die für Überfahrten über den Ärmelkanal verwendet werden, in die Hände krimineller Banden gelangen. Dazu gehören der Austausch von Informationen zur Identifizierung der Lieferwege von Schmugglern und die direkte Zusammenarbeit mit chinesischen Herstellern, um zu verhindern, dass legitime Unternehmen von der organisierten Kriminalität ausgenutzt werden.“ Darüber hinaus werden die Themen Abschiebung und Opioidschmuggel erwähnt.
Das Abkommen ergänzt ein System vergleichbarer Vereinbarungen Großbritanniens mit Staaten außerhalb der EU, die auf die Unterbrechung von Transitrouten bzw. Lieferketten sowie eine bessere strafrechtliche Verfolgung von Schleuserorganisationen abzielen. Die britische Regierung nimmt dabei eine globale Führungsrolle in Anspruch, und erwartungsgemäß spricht sie auch in der aktuellen Presseerklärung von den „bislang größten Anstrengungen weltweit zur Bekämpfung der organisierten Einwanderungskriminalität durch eine engere Zusammenarbeit internationaler Strafverfolgungsbehörden“. Zur Bündelung potenzieller Partnerstaaten, -institutionen und Unternehmen fand vor einem knappen Jahr ein internationaler Gipfel in London statt (siehe hier und hier).
Die Presseerklärung lässt vermuten, dass sich die Vereinbarung mit China zwar auf Bootsmotoren, Zubehör und Bauteile für Booten bezieht, nicht aber auf Schlauchboote, die in China legal hergestellt und legal in die EU importiert werden. Vor etwas mehr als einem Jahr untersuchten wir ein solches Boot, das nach einem Polizeieinsatz, bei dem es zerstochen worden war, am Strand von Sangatte bei Calais lag. Am Boot befand eine Plakette mit den Namen und Adressen der nordrhein-westfälischen Firma, die das Boot importiert und verkauft hatte, sowie des Herstellers im chinesischen Quingdao. Die Daten ließen sich verifizieren und wurden in ählicher Form auch später dokumentiert. Die Plakette zeigte außerdem das CE-Einfuhrkennzeichen der EU und Angaben über die maximal zulässige Zahl der Personen, die Gesamtlast sowie die Anforderungen an den Motor und den Luftdruck der Schwimmkörper. Auch wenn diese Vorgaben in der Praxis igonoriert werden, haben wir es mit einem Boot aus einer legalen Lieferkette zu tun, und genau dieser legale Lieferweg scheint im britisch-chinesischen Abkommen ausgeklammert worden zu sein, da ja lediglich von einer Ausnutzung „legitime[r] Unternehmen“ durch kriminelle Akteure die Rede ist. Die Presseerklärung legt vielmehr den Schluss nahe, dass sich das Abkommen auf einen anderen Tpus von Booten bezieht: größere, improvisiertere und instabilere Schlauchboote aus unzugänglichem Material, wie sie Ärmelkanal ebenfalls zum Einsatz kommen. Wenn dies zutrifft, bezieht sich das Abkommen faktisch nur auf einen Ausschnitt der Lieferbeziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Kanalregion.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch der Publizist Martin Purbrick, dessen Fokus jedoch nicht auf der Migrations- und Grenzpolitik, sondern der Kriminalität im ostaisatischen Raum liegt. In einem Beitrag für sein Portal Asian Crime Century analysiert er die Lieferkette chinesischer Bootsmotoren.
Aufgrund einer Modellrechnung argumentiert er, dass die Beschaffungskosten der Motoren vermutlich „weniger als ein halbes Prozent des Gesamtumsatzes“ betragen, der mit den Bootspassagen erwirtschaftet wird. Dem gegenüber machen die am Ärmelkanal eingesetzten Motoren nur einen minimalen Anteil des chinesischen Exports aus, der nach Angaben des chinesischen Zolls im Jahr 2022 bei 291.800 Stück lag. Auch wenn der größte Abnehmer Russland war, dürfte es für transnational handelnde Netzwerke unproblematisch sein, weniger als tausend Motoren pro Jahr für die Kanalroute zu erwerben.
Das zentrale Argument betrifft jedoch den Lieferweg selbst. Purbrick bezieht sich dabei auf Erkenntnisse der britischen National Crime Agency aus einem Strafverfahren gegen ein Schleusernetzwerk, das in der Presseerklärung zum britisch-chinesischen Abkommen ausdrücklich erwähnt ist. In diesem Fall wurden die Motoren „von einem niederländischen Transportunternehmen auf dem Landweg von der Türkei nach Bulgarien und dann quer durch Europa nach Deutschland transportiert, wo sie gelagert wurden, bevor sie im Ärmelkanal eingesetzt wurden.“
In China produzieren, so Purbrick weiter, nur eine Handvoll Unternehmen Außenbordmotoren für den Export. „Diese Unternehmen verkaufen und exportieren nicht direkt an Kunden, sondern vertreiben ihre Produkte über Händler der Schifffahrtsindustrie, Online-B2B-Marktplätze wie Alibaba sowie über verschiedene Graumarktkanäle.“ Es sei schwer vorstellbar, dass sich Anfragen britischer Behörden negativ „auf diese vielfältige globale Lieferkette“ auswirken. Purbrick vermutet, „dass Schmuggler ihre Beschaffung noch weiter diversifizieren und dafür sorgen, dass es in diesem Prozess mehrere Zwischenhändler gibt, um einer Entdeckung besser zu entgehen.“
Nicht zuletzt dürften strukturelle Probleme das Abkommen weitgehend unwirksam machen: „Die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden in der Volksrepublik China ist kompliziert. Die zentrale Regierungsbehörde für die Strafverfolgung ist das Ministerium für öffentliche Sicherheit (Ministry of Public Security; MPS), und die Strafverfolgungsmaßnahmen werden größtenteils von den Büros für öffentliche Sicherheit (Public Security Bureaus; PSB) auf Provinz-, Stadt-, Kreis- und Gemeindeebene durchgeführt. Die PSB haben eine komplizierte Doppelrolle, da sie sowohl für die Strafverfolgung als auch für die Unterdrückung der Opposition gegen die Kommunistische Partei Chinas zuständig sind.“ Purwick weist darauf hin, dass „die Volksrepublik China in der Regel nicht auf Angelegenheiten reagiert, die keine direkten Auswirkungen auf ihre eigene lokale Strafverfolgung haben.“ Es sei also denkbar, dass britische Anfragen pauschal mit Fehlanzeigen beantwortet würden. Britische Anfragen müssten zudem mehrere Ebenen durchlaufen und würden, da die betreffenden Unternehmen in verschiedenen Städten bzw. Provinzen ansässig sind, an unterschiedliche lokale Behörden delegiert. „Eine vertrauensvolle Beziehung zu den PSB-Einheiten auf Provinzebene und darunter ist aufgrund der seit Jahrzehnten grassierenden Korruption, die die Strafverfolgungs- und lokalen Behörden durchdringt, unmöglich“, so Purbrick.
Sein Fazit lautet: „Die Lieferketten für Außenbordmotoren und kleine Boote sind global und komplex, und Versuche, sie durch chinesische Behörden zu beschränken oder zu überwachen, stoßen auf strukturelle, bürokratische und politische Hindernisse, die wahrscheinlich keine nennenswerten Störungen bewirken werden.“
Die Situation am Ärmelkanal dürfte sich durch die Zusammenarbeit mit der chinesischen Diktatur also kaum verändern, weder hinsichtlich der Zahlen noch hinsichtlich des menschlichen Leids, das sich in ihnen spiegelt.