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Rechtsextremes Grenzspektakel an der Kanalküste (2)

Im November und Dezember 2025 suchten Aktivisten der britischen Kampagne Raise the Colours wöchentlich Schauplätze der undokumentierten Migration in Nordfrankreich auf. Die Rechtsextremisten produzierten eine Desinformationskampagne, propagierten Aktionen gegen small boats und bedrängten Geflüchtete und humanitäre Helfer:innen. Unter dem Namen Operation Overlord kündigen sie nun eine Aktion am 24. Januar 2026 an und mobilisieren für eine Massenbewegung mit größenwahnsinnigen Zügen. Die französische Regierung reagierte mit einem Einreiseverbot. Das rechtsextreme Spektakel inmitten der humanitären Krise ist damit ausgebremst, aber nicht beendet.

„Raise the Colours“ in Frankreich: Ein Rückblick

Im Dezember beschäftigten wir uns ausführlich mit Raise the Colours und deren Aktionen in Nordfranreich (siehe hier). Wir zeigten den Ursprung der Gruppe um Ryan Bridge und Daniel Thomas (genannt Danny Tommo) im stark wachsenden MAGA-Segment des britischen Rechtsextremismus, der auf einen Sturz der liberalen Demokratie nach US-Vorbild hinarbeitet und auf eine Machtübernahme durch Nigel Farage hofft, jedoch außerhalb seiner Partei agiert. Im Zuge einer Großkundgebung am 12. September 2025 in London, an der mehr als 100.000 Personen teilnahmen und zu der Elon Musk live zugeschaltet war, trat neben ähnlichen Gruppierungen auch Raise the Colours an die Öffentlichkeit. Nach Flaggenaktionen im öffentlichen Raum und krawalligen Aktionen vor Unterkünften Geflüchteter in Großbritannien reiste eine Handvoll Aktivisten um Bridge und Tommo von Ende November bis Mitte Dezember wöchentlich an die nordfranzösische Kanalküste.

Die Männer verstehen sich als vigilants, die anstelle des Staates die Ausübung des Gewaltmonopols beanspruchen und sich selbst dazu ermächtigen, die Boote aktiv zu stoppen. Trotz wiederholter Versuche und entgegen ihrer eigenen Behauptungen gelang ihnen dies nicht. Gleichzeitig agieren sie als Medienaktivisten, die eine angeblich verschwiegene Realität aufdecken, tatsächlich aber Falschinformationen und Verschwörungserzählungen produzieren: Systematisch entfalteten und radikalisierten sie ein Narrativ, das momentan ungefähr so lautet: Der französische Staat schleuse gemeinsam mit der Regierung Starmer und linken NGOs massenhaft Mörder und Sexualstraftäter in das Land, dessen Frauen und Kinder man durch die Operation Overlord schützen müsse. Gleichzeitig handle es sich bei den Bootspassagen um eine verdeckte islamistische Invasion und neuerdings sogar einen Krieg, der bedrohlicher sei als die von Putin ausgehende Kriegsgefahr. Sich selbst präsentierten die Aktivisten von Anfang an als Vorhut tausender britischer „Patrioten“, die in der Zukunft nach Frankreich aufbrechen und die Bootspassagen final beenden würden. Tatsächlich blieben die Aktivisten in Nordfrankreich bislang als Kleingruppe unter sich.

Selbstinszierung beim Patrouillieren am Strand bei Gravelines nahe Dunkerque, 17. Dezember 2025. (Quelle: Raise the Colours / X / Screenshot: Calais Border Monitoring)

Ein einziges Mal gelang es der Gruppe, Geflüchtete beim Besteigen eines Schlauchboots zu filmen und zu beschimpfen. Der Vorgang Anfang November 2025 sollte ihre einziges Zusammentreffen mit Bootspassagier:innen bleiben. Als dann witterungsbedingt keine Boote übersetzten, posteten sie nächtliche Patrouillen an Stränden, suchten nach Bootsmaterial in den Dünen, zerstörten lustvoll aufgefundene Gegenstände und filmten Geflüchtete in Camps und auf der Straße ab. Rückblikend nehmen sie für sich in Anspruch, eine mehrwöchige Unterbrechung der Bootspassagen (siehe hier) durch ihre Präsenz bewirkt zu haben. Daher sei die französische Polizei in ihrer Funktion als Schleuser dazu übergagen, die Invasoren an ihnen vorbei zu anderen Abfahrtsständen zu lotsen.

Ende November benutzte die Gruppe zum ersten Mal den Namen Operation Overlord. Am 5. Dezember – einem folgenreichen Tag, auf den wir noch zu sprechen kommen – proklamierten sie den Beginn der Operation Overlord Part Two und nutzten diesen Namen später für die angekündigten Massenaktionen in 2026. Die Bezeichnung entspricht dem Tarnnamen der alliierten Invasion in der Normandie ab dem 6. Juni 1944 und missbraucht damit das Andenken an die damals beteiligten und gefallenen Soldaten sowie den britischen Beitrag zum Sieg über den Nationalsozialismus. Gleichzeitig überhöhen die Rechtsextremen ihren kleinen Aktivismus zur kriegsentscheidenden militärischen Operation.

Invasionsfantasie mit Faschistengruß am unteren Bildrand: KI-generierte Werbung für die Operation Overlord, Anfang Dezember 2025. (Quelle: X / Raise the Colours / Screenshot: Calais Border Monitoring)

„Operation Overlord“: Von der Festnahme zum Einreiseverbot

Im Dezember 2025 postete Raise the Colours zahlreiche Videos aus dem Jungle bei Loon-Plage. Eines zeigt, wie Bridge minutenlang einen Mann provoziert und es auf eine körperliche Auseinandersetzung anlegt, zu der es aber nicht kommt; ein anderes zeigt ihn in panischer Flucht aus dem Jungle, ohne dass der Grund erkennbar wäre. Schließlich folgten Aufnahmen der Aktivisten in ihrem Auto, neben dem ein Mann mit dem Messer droht, jedoch nicht angreift. Die Aufnahmen vermitteln eine Dramaturgie: Indem die Rechtsextremen einen Ort aufsuchen, an dem es tatsächlich schon zu tödlicher Gewalt gekommen ist (wenn auch nie gegen Außenstehende, siehe etwa hier und hier), indem sie genau dort provozieren und dann atemlos flüchten, erwecken sie den Eindruck, sie würden ihr Leben riskieren. Ihre Aktion wird zum Fronteinsatz.

Dieses Kämpfermythos vermittelt auch ein Alarm, mit dem Raise the Colours am 5. Dezember auf die Festnahme dreier Aktivisten durch die französische Polizei reagierte:

Alarmruf zur Generierung von Reichweite während der Operation Overlord, 5. Dezember 2025. (Quelle: Raise the Colours / X / Screenshot: Calais Border Monitoring)

An diesem Tag hatte es Raise the Coulors jedoch nicht auf Geflüchtete, sondern auf NGOs abgesehen. „Eine Gruppe von Männern der britischen extremen Rechten folgte dem Team von Utopia 56 entlang der Küste und beleidigte dann die Freiwilligen einer anderen Organisation vor Ort“, berichtete Utopia 56 aus der Gegend von Dunkerque. Bei Calais bedrängten die Rechtsextremen ebenfalls am 5. Dezember ein Team der Médecins Sans Frontières (MSF; Ärzte ohne Grenzen). Die lokale Koordinatorin der Organisation schilderte La Voix du Nord: „Unser Auto, das das Logo von MSF trägt, wurde von einem britischen Auto verfolgt, in dem sich drei Personen befanden, darunter Ryan Bridge. […] Wir parkten etwas weiter entfernt, und sie kamen mit ihren Handys und an ihren Westen befestigten Kameras auf uns zu. Sie begannen, uns heftig zu beschimpfen, und als wir wieder ins Auto stiegen, stellte sich einer von ihnen sogar vor die Tür, damit wir sie nicht schließen konnten.“

Tweet von Raise the Colours mit Aufnahmen des Übergriffs auf die Ärzte ohne Grenzen am 5. Dezember 2025. (Quelle: Raise the Colours / X / Screenshot: Calais Border Monitoring)

Ein am 7. Dezember gepostetes Video des Übergriffs bestätigt die Schilderung der Betroffenen. Es zeigt darüber hinaus, dass die Männer eine Handykamera ins Innere eines MSF-Autos hielten sowie Personen und Dokumente abfilmten. Im zugehörigen Tweet denunzierten sie die Helfer:innen als „Bedrohung unserer nationalen Sicherheit“.

Nach den Übergriffen stellten die betroffenen NGOs klar, dass sie ihre Tätigkeit in jeden Fall fortsetzen würden. Schon seit Längerem beobachtete Utopia 56 außerdem die Postings der Rechtsextremen und meldete deren Aktivitäten an die französischen Behörden. Wegen einer vergleichbaren Aktion im September 2025, bei der eine andere Gruppe britischer Rechtsextremer unter Führung von UKIP-Chef Nick Tenconi Geflüchtete bei Nacht attackiert und gefilmt hatte (siehe hier), liefen zu diesem Zeitpunt bereits staatsanwaltschaftliche Vorermittlungen. Gleichwohl war Raise the Colours bis zu den kurzzeitigen Festnahmen am 5. Dezember unbehelligt geblieben, was mehrere NGOs öffentlich anprangerten.

Dies sollte sich jedoch ändern. Ende Dezember 2025 berichteten französische Medien über die Absicht von Innenminister Laurent Nuñez, die Mitglieder der britischen Gruppe zu identifizieren mit Festnahmen gegen sie vorzugehen. Auch die Präfektur sprach von Vorbereitungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Am 14. Januar gab das Innenministerium dann ein Einreise- und Aufenthaltsverbot für zehn britische Rechtsextremisten bekannt. Ihre Namen wurden nicht genannt, doch bestätigte Raise the Colours in einem Statement, betroffen zu sein. Das Ministerium bezog sich auf die Aktionen im Dezember und wertete sie als Gefahr für die öffentliche Ordnung, zumal in Großbritannien für eine größere Bewegung geworben werde. Die rechtstaatliche Verfassung Frankreichs sei nicht verhandelbar und gewalttätige Handlungen oder Aufstachelung zum Hass „haben auf unserem Territorium keinen Platz”, so Minister Nuñez.

All dies fiel in eine Zeit, in der sich auch ohne die Operation Overlord rassistische Vorfälle häuften. So registrierten lokale NGOs im Laufe des Jahres 2025 vermehrt Schmierereien und Sabotageakte im Umfeld von Camps und gegen humanitäre Hilfe. Über Weihnachten am Rand des Jungle von Loon-Plage angebrachte Naziparolen drohten Migrant:innen mit dem Tod.

Drohungen am Rand des Jungle von Loon-Plage, 25. Detember 2025. (Quelle: Utopia 56 / X)

„Operation Overlord“ 2026: Massenmobilisierung ins Leere?

Zum bislang letzten Mal reiste Raise the Colours Mitte Dezember nach Nordfrankreich. Seither konzentriert sich die Gruppe auf die Ankündigung einer sehr viel größeren und machtvolleren Kampagne in 2026. Die Vorstellung einer massenhaften Landung britischer Männer an der französischen Kanalküste wurde nun immer wörtlicher ausformuliert.

In mehreren Videobotschaften bemühten sich Bridge und Tommo nun einerseits um ein Image als gewaltfreie, unbewaffnete und gesetzeskonforme Graswurzelbewegung, die weder rechtsextrem noch rassistisch sei. Andererseits prahlten sie mit einer bevorstehenden Entsendung tausender, wenn nicht gar zehntausender Männer und gaben vor, einen sicheren Plan zur endgültigen Beendigung der Migration auf der Kanalroute zu haben. Die unrealistische Behauptung greift das zuvor etablierte Narrativ an, man habe im Herbst bereits eine enorme Wirkung entfaltet und müsse nur einige Monate lang flächendeckend präsent sein, damit der französische Staat mit dem Schleusen aufhöre. Die früheren Aktionen an der französischen Küste werden in dieser Gedankenwelt zu Erkundungsmissionen für einen Endkampf.

So bizarr diese Vorstellung ist – ein YouTube-Video vom 19. Dezember 2025 geht noch weiter: Bridge und Tommo behaupten, über ihre Rekrutierungswebsite 15.000 Männer und einige Frauen aus dem ganzen Land für die bevorstehende Operation Overlord gewonnen zu haben, darunter ehemalige und aktive Militärs, Grenzer und Angehörige von Spezialeinheiten. Für diese Masse an Freiwilligen müsse nun eine mehrtägige Veranstaltung vorbereitet werden: eine Mischung aus Casting, Gesinnungsprüfung und Training, bei dem man mithilfe von Menschenkenntnis und KI sicherstellen werde, dass Linke die Bewegung nicht infiltrierten. Diese Vorbereitungen sollen in Februar, vielleicht aber auch erst im Mai abgeschlossen sein. Im Laufe des Jahres, vielleicht aber auch erst 2027, würden dann speziell ausgewählte Teams überall an der französischen Kanalstränden präsent sein, andere in den Dünen nach Bootsmaterial suchen und es zerstören und wieder andere die französische Polizei beobachten. All dies werde ohne Gewalt und Waffen geschehen und berge keinerlei Risiken der Repression. Im Grund aber baten Bridge und Tommo während ihrer knapp habstündigen Ansprache händeringend darum, ihnen eine Halle für die Rekrutierungsveranstaltung zu beschaffen.

Mit diesem Video scheinen die Rechtsextremen die Realität verlassen zu haben. Doch so absurd ihre Idee eines rechten D-Day auch ist, ergeben sich zwei ernsthafte Aspekte:

Erstens ist offensichtlich, dass Operation Overlord von einem Kampagnenlabel zum Label einer Bewegung weiterentwickelt wird. Auch wenn wir die Invasion tausender Faschist:innen an den Kanalstränden ausschließen können, so könnten mit diesem Unsinn doch einige Dutzend oder ein paar Hundert mobilisierbar sein. Genau hierum dürfte es bei der Ankündigung einer größeren Aktion am 24. Januar gehen, und möglicherweise könnte sich aus ihr eine neue Serie rechtsextremer Provokationen ergeben. Daher ist weiterhin mit Übergriffen auf Geflüchtete und die Zivilgesellschaft zu rechnen, und sollte es zu Aktionen gegen ablegende Boote kommen, wären leicht auch Menschenleben in Gefahr. Vor diesem Hintergrund ist das Einreiseverbot gegen die zehn Rechtsextremisten richtig, aber wahrscheinlich nicht weitreichend genug.

Zweitens beschränkt sich die MAGA-affine britische Rechte, wie wir in früheren Beiträgen argumentiert haben (siehe hier), nicht auf die Forderung nach einer finalen Beendigung der Migration, sondern nutzt diese als Hebel für den angestrebten autoritären Umsturz. Die eingangs erwähnte Unite the Kingdom-Kundgebung am 12. September 2025 mobilisierte sehr wohl eine enorme Masse von Menschen: Es war die größte Demonstration des Landes seit der Zwischenkriegszeit. Der Organisator dieser Kundgebung, Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson, ruft für den 16. Mai 2026 zur Wiederholung unter dem Motto Unite the West auf. Im Kontext dieser Mobilisierung könnte die Operation Overlord ihren Platz finden, nämlich als Verheißung einer Machtübernahme im regionalen und thematischen Ausschnitt. Denn genau dies bedeutet es, mit 15.000 Männern die Kontrolle über die Kanalgrenze zu übernehmen. In diesem Fall wäre Operation Oberlord also in erster Linie eine Umsturzfantasie. Als solche kann sie aber nur funktionieren, solange sie nicht an der Realität zerschellt. Statt Tausende nach Nordfrankreich zu schaffen, müssten Bridge und Tommo also vor allem fleißig ins Blaue fantasieren.

Ein Plan für den 24. Januar?

Folgt man Raise the Colours, so wird rasch deutlich, dass man seit der Jahreswende mit einem Einreiseverbot rechnete. Wie sehen seither denunziatorische Postings gegen Utopia 56 und Care 4 Calais – zwei NGOs, die seit Langem im Fokus britischer und französischer Rechtsextremer stehen – und die eher unbekannte Refugee Community Kitchen. Die meisten Beiträge entstammen jedoch krawalligen Aktionen gegen Unterkünfte für Geflüchtete in Großbritannien oder zeigen Banner mit Kampagnenparolen vor dem Innenministerium in London.

Sprach Raise the Colours hingegen von der Operation Overlord, finden wir eine beinahe zivilgesellschaftliche Wortwahl. Auch auf der Rekrutierungswebsite hieß es, man wolle kein „vigilate behaviour, confrontation, or unlawful activity“, sondern „a network of serious, disciplined observers committed to lawful civic action, documentation, and public accountability“. Die verharmlosende Wortwahl ist als Mimikry durchschaubar, deutet aber dennoch in eine gewisse Richtung. Denn die zehn nordfranzösischen Auftritte der Rechtsextremen lassen sich durchaus als ein Versuch deuten, mit einer Anti-NGO-NGO in das turbulenten Geschehen an der Kanalroute einzusteigen und die britische MAGA-Revolte von dort aus mit immer neuem Feed zu versorgen.

Mobilisierung für eine rechtsextreme Aktion in Nordfrankreich am 24. Januar 2026. (Quelle: Danny Tommo / X / Screenshot: Calais Border Monitoring)

Doch geschieht dies nicht ohne Brüche. Agierte im Herbst zunächst Ryan Bridge als Gesicht der Kamagne, ist es nun Danny Tommo. Dieser hat seinen Account inzwischen zum Mobilisierungskanal für die Operation Overlord ausgebaut und ruft dazu auf, am 24. Januar mit Reisepass und Gepäck nach Dover zu kommen. Am gestrigen 18. Januar meldete er: „The first group of patriots for Operation Overlord is now complete. No more talking. It’s time to act. SEE YOU ALL ON THE 24TH OF JANUARY.“ Man habe einen Plan.