
Offenbar zum ersten Mal haben die französischen Behörden ein Schlauchboot an der französischen Kanalküste aktiv abgefangen, das sich bereits im Wasser befand. Der Vorfall wurde am 17. Januar 2026 am Canal de’l Aa, einer zum Ärmelkanal führenden Binnenwasserstraße westlich von Dunkerque, beobachtet. Er betraf ein mutmaßliches Taxiboot, das die Passagier:innen noch nicht an Bord genommen hatte.
Der Vorfall auf dem Aa-Kanal in der Gemeinde Gravelines wurde am 20. Januar durch einen Bericht der BBC publik, der sich auf ein zugespieltes Foto stützte. Es zeigt ein Schlauchboot, das längsseits an einem Gendarmerieboot festgemacht ist; an Bord befinden sich sechs Personen.
Das Abfangmanöver wurde nicht durch die Behörden selbst bekannt gegeben, sodass schwer einzuschätzen ist, ob es tatsächlich die erste Operation dieser Art war, ob weitere stattgefunden haben und auf welcher Grundlage dies geschah. Auf Nachfrage der regionalen Zeitung La voix du Nord hielt sich die zuständige Seepräfektur bedeckt.
Die Forderung nach einem aktiven Stoppen von Schlauchbooten ist ein wiederkehrender Streitpunkt zwischen den Regierungen in Paris und London. Im vergangenen Sommer hatten sich beide Staaten im Grundsatz auf die Einführung einer solchen Praxis geeinigt (siehe hier). Im Herbst wurden zunächst Überlegungen bekannt, hochriskante Abfangmanöver vom französischen Überseegebiet Mayotte auf den Ärmelkanal zu übertragen, bei denen bereits Menschen ums Leben gekommen waren (siehe hier); später war von einem angeblich ungefährlichen Einsatz von Netzen die Rede (siehe hier). Ende November berichtete Le Monde schließlich über ein vertrauliches Dokument, das ein baldiges Abfangen von Taxibooten vor dem Anbordnehmen der Passagier:innen vorsah. Offensichtlich versucht die französische Regierung also den Wünschen Großbritanniens zu entsprechen, scheut jedoch davor zurück, das Leben der Menschen auf bereits voll besetzten Booten zu riskieren. Ohne Risiken sind sie vermutlich dennoch nicht.
Das Manöver auf dem Aa-Kanal scheint dieser Vorgehensweise zu entsprechen und könnte daher tatsächlich eine Neujustirerung des Grenzregimes anzeigen. Utopia 56 weist darauf hin, dass die Gendarmerie maritime neuerdings einen Bootstyp in Dienst genommen hat, der sich hierfür besonders eignet: „kleine, wendige Boote vom Typ Zodiac, die jedoch nicht viele Personen befördern können.“
La voix du Nord deutet die Gendarmerieaktion auf dem Aa-Kanal als ein politisches Signal an London: Das Foto des abgefangenen Bootes „dürfte die britischen Behörden beruhigen“, so das Blatt: „Nach unseren Informationen soll nächste Woche eine französische Delegation nach London reisen. Die französischen Behörden stehen unter Druck.“
Eine Schilderung von Utopia 56 deutet jedoch eher auf ein zufälliges Bekanntwerden hin. Nach mehreren Wochen mit schlechtem Wetter, das kaum Überfahrten zuließ, seien am 17. Januar wieder verstärkt Versuche unternommen worden, nach Großbritannien überzusetzen. In dieser Situation „beobachtete eines der Freiwilligenteams von Utopia 56 einen Einsatz eines der neuen Boote der Gendarmerie maritime im Canal de l’Aa in Gravelines. Zwar behaupteten die Beamten zunächst, sie würden das Boot lediglich ‚überwachen‘, nachdem mehrere Personen ins Wasser gefallen waren, doch die sechs Männer, die bei unserer Ankunft noch an Bord waren, wurden schließlich doch festgenommen.“
Einer der Festgenommen, ein 18jähriger Sudanese, wurde in Untersuchungshaft genommen, weil er das Boot gesteuert haben soll. Wie La voix du Nord später unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft berichtet, soll eine Gruppe von etwa dreißig Personen das Schlauchboot zunächst zu Fuß aus dem Zentrum von Gravelines zum Aa-Kanal getragen haben. Im Wasser hätten die sechs Männer an Bord offenbar das Tempo erhöht, um zu entkommen, woraufhin die Gendarmerie sie gestoppt habe. Der Prozess gegen den 18jährigen ist für den heutigen 23. Januar angesetzt.