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Benelux

An der Peripherie des Transitraums

Die Entwicklung in der Wallonie

Der Fokus der wissenschaftlichen, aktivistischen und medialen Beschäftigung auf Calais als Kulminationspunkt und Symbolort der klandestinen kontinentaleuropäisch-britischen Migration lässt die Entwicklungen an den Rändern dieses Transitraumes oft unsichtbar werden. Dabei haben sich die Versuche, nach Großbritannien zu gelangen, längst auch nach Belgien ausgeweitet, und zwar nicht nur in der flämischen Küstenregion und in der Hauptstdt Brüssel, sondern auch an wenig bekannten Orten in der Wallonie, also der frankophonen Teilregion des belgischen Nationalstaates. Wir haben an dieser Stelle bereits über die Kleinstadt Waremme berichtet (siehe hier) und möchten den Blick nun auch auf andere Orte in den belgischen Provinzen Lüttich, Luxemburg und Hainaut (Hennegau) richten.

Zunächst jedoch noch einmal zu Waremme. Auf dem Gebiet der wallonische Kleinstadt westlich von Lüttich hatte sich seit 2017 der Ausgangspunkt eines prekären Migrationspfads nach Großbritannien herausgebildet, den vor allem Menschen aus Eritrea und anderen ostafrikanischen Staaten nutzten. Dort bietet ein Rastplatz an der Europastraße 40, der Autobahn von Aachen über Lüttich, Brüssel und Oostende nach Dunkerque und Calais, eine vergleichbar günstige Gelegenheit für die Suche nach einem Versteck in einem Lastwagen. In dieser Situation entstand rund um das Maison de la Laïcité (Haus des Laizismus) eine zivilgesellschaftliche Solidarität, in deren Mittelpunkt eine Anlaufstelle mit Küche, Kleiderkammer, Ruhezone und anderen Hilfen stand. Hinzu kamen (und kommen) individuelle Beherbergung durch örtliche Familien, eine in der Wallonie weit verbreitete Form unmittelbarer Hilfe. Ein Teil der Migrant_innen lebte zudem in einem Zeltcamp.

Nach Beginn des confinement (Ausgangsbeschränkungen) am 18. März 2020 war diese Anlaufstelle behördlich geschlossen und ein Teil der Geflüchteten, der nicht durch private Beherbergungen aufgefangen werden konnte, in einem anderen Gebäude untergebracht worden. Wegen Nichtbeachtung des Confinement wurde die Unterkunft am 17. April wieder geschlossen. Wie ein Vertreter der lokalen Flüchtlingssolidarität uns mitteilt, sind die Betroffenen nun bei Familien untergebracht und sollen dort die Zeit bis zum 18. Mai verbringen. Die Anlaufstelle im Maison de la Laïcité, deren Fortbestand bereits länger in Frage stand, werde nicht wieder eröffnen können. Vielmehr werde die Stadt, die sich bislang wenig um die Situation gekümmert habe, eine neue Anlaufstelle zur Verteilung von Mahlzeiten bereitstellen.

Vergleichbare Situationen wie in Waremme wurden während des Confinement auch aus anderen wallonischen Orten gemeldet. Kleinere Gruppen von Migrant_innen meist eritreischer Nationalität suchten an lokalen Infrastrukturen des Fernlastverkehrs ihre Chance zur Weiterreise nach Großbritannien, bevor sie im Zuge des Confinement in Schwierigkeiten gerieten und eine (wenn auch geringe) mediale Aufmerksamkeit erzeugten.

So berichtete belgische Rundfunk am 25. März, dass ein vom regionalen Kollektiv Escal bereitgestelltes Quartier in Neufchâteau (Provinz Luxemburg) aufgrund des Confinement durch den Bürgermeister geschlossen worden sei. Eine Vertreterin des Kollektivs berichtete, dass die betroffenen Menschen danach im Wald oder unter Brücken übernachteten, was den Hygieneregeln erst recht widerspreche. Verschiedene lokale Initiativen versorgten die Geflüchteten weiterhin und suchten gemeinsam mit kommunalen Behörden der Umgebung, in der noch weitere Anlaufstellen geschlossen worden waren, nach Lösungen. Am 31. März meldete der Sender dann, dass in den benachbarten Gemeinden Léglise, Habay und Marbehan geeignete Quartiere für die Zeit des Confinement gefunden worden seien. Der [belgisch-] Luxemburgischen Koordinierungsstelle für Asyl und Migration CULUXAM zufolge würden sich Freiwillige um die Beschaffung von Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln kümmern und zugleich auf die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln achten; den Bewohnern stünde eine Küche zur Verfügung, um selbst kochen zu können.

Ähnlich war es in der Provinz Hainaut (Hennegau), wo mehrere Gemeinden und zivilgesellschaftliche Vereinigungen Anfang April eine vorübergehende Unterkunft in Räumen des Centre Agronomique de Recherches Appliquées du Hainaut (CARAH, Agronomisches Zentrums für Angewandte Forschung des Hennegau) in Ath einrichteten.

In der Provinz Lüttich war eine Gruppe von 15 Eritreern zunächst in Barchon und Soumagne, dann in Herve untergebracht worden, wo es Ende April zu Konflikten um die Lebensumstände in einem behördlich bereitgestellten Unterkunft sowie um die Schaffung eines privaten Quartiers kam (siehe Berichte des belgischen Rundfunks v. 27.4. hier und hier).

Infolge der Corona-Krise wurde damit sichtbar, dass sich nicht nur das unmittelbare Hinterland der französischen und belgischen Küste, sondern auch der Lütticher Raum, die Ardennen und der Hennegau als Ausgangspunkte für die Reise nach Großbritannien eignen. Dies hatte sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet, war jedoch nicht in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. So erfolgen die Migrationsversuche von Waremme und Herve aus seit 2017/18. Auf diesem Zeithorizont war auch vom deutsch-belgischen Grenzübergang Lichtenbusch bei Aachen aus versucht worden, sich in Lastwagen nach Großbritannien zu verstecken. Darin zeigt sich eine Ausweitung des kontinentaleuropäisch-britischen Transitraumes, die durch die verstärkte Absicherung der belgischen Autobahnraststätten zwischen Brüssel und der Küste noch forciert wurde. Neben küstenfernen Abschnitten der Europastraße 40 (wie Waremme, Herve und Lichtenbusch) sind dadurch auch die Autobahnstrecken vom Großherzogtum Luxemburg in Richtung Brüssel (Neufchâteau, Habay u.s.w.) sowie von Belgien über Lille nach Dunkerque (Hainaut/Hennegau) relevant geworden.