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Channel crossings

Mehr erfolgreiche Passagen denn je

Im März und April 2020 gelangten so viele Geflüchtete auf Booten nach Großbritannien wie noch nie seit der Etablierung dieser maritimen Migrationsroute vor anderthalb Jahren. Die Entwicklung hatte sich bereits in den Wintermonaten abgezeichnet und dürfte sich, begünstigt durch das günstigere Wetter im Frühling und Sommer, wahrscheinlich im weiteren Jahresverlauf fortsetzen.

Hatten im gesamten Vorjahr 1.892 Geflüchtete den Kanal auf Booten überquert, so meldete die BBC am 24. April die erfolreiche Passage von „mehr als 450 Personen“ allein seit Monatsbeginn. Der Sender verfolgt die channel crossings von Anfang an und bietet daher ein kontinuierliches Abbild der Entwicklung. Demnach erreichten (nach zahlreichen Ankünften im März, über die wir hier berichteten) allein am 7. April drei Boote mit 63 Personen britisches Hoheitsgebiet, gefolgt von zwei Booten mit 29 Personen am 9. April, vier Booten mit 72 Personen am 12. April, weiteren 73 Personen am 17. April und fünf Booten mit 76 Personen am 24. April.

„Mehr als 1000 Personen haben das Vereinigte Königreich in diesem Jahr bisher in Booten erreicht – 559 von ihnen im März, ein Rekord in einem einzelnen Monat “, meldete die BBC am 4. Mai, nachdem innerhalb von 24 Stunden erneut 130 Menschen die Insel auf diese Weise erreicht hatten, gefolgt von einer neuen Rekordzahl von 140 Personen nur vier Tage später. Die Entwicklung wurde auch auf französischer Seite registriert: „Die Marke von tausend Migranten, die seit Jahresbeginn auf See gerettet wurden, wurde vor einigen Tagen überschritten. Dies ist eine Steigerung von 156 % gegenüber 2019 im gleichen Zeitraum“, schrieb die Regionalzeitung La Voix du Nord am 28. April.

Hatten die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens im Vorjahr noch von einer Reduzierung der Bootspassagen bis zu diesem Frühjahr gesprochen, so ist nun also das Gegenteil der Fall. Damit wird immer offensichtlicher, dass die zwischenstaatlich vereinbarten und zu einem Großteil von Großbritannien finanzierten Maßnahmen zur ‚Schließung‘ der Kanalroute ins Leere gelaufen sind.

Diese Maßnahmen waren im Januar 2019 in einem joint action plan schriftlich fixiert und im August 2019 auf Ministerebene nachverhandelt und um eine Zusatzvereinbarung ergänzt worden, nachdem die Zahl der erfolgreichen Passagen seit Jahresbeginn auf 900 gestiegen war.

Die britische Innenministerin Priti Patel kündigte nunmehr an, dass sie mit ihrem französischen Amtskollegen im Mai über eine weitere Vereinbarung zu „Rückführungen sowie Rückführungen auf See“ (zit. n. Daily Mail, 30.4.) verhandeln werde. Die Strategie, durch eine hohe Zahl von Zurückweisungen und Abschiebungen die Erfolgsaussichten der Geflüchteten zu verringern und sie dadurch von einer Bootspassage abzuschrecken, ist nicht neu. Sie hatten im all dieser Vereinbarungen gestanden, war jedoch u.a. daran gescheitert, dass die Bootspassagiere in der Regel gute Voraussetzungen für ein Asylverfahren in Großbritannien und damit für einen zumindest vorläufigen Aufenthaltstitel besitzen.