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Channel crossings

Zunahme der Bootspassagen

Seit Beginn des Jahres 2020 ist es ungefähr 500 Migrant_innen gelungen, auf Booten von der französischen und belgischen Küste nach Großbritannien zu gelangen. Obwohl im Februar mehrere schwere Stürme die Kanalregion heimsuchten und im März massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit aufgrund der Corona-Pandemie in Kraft traten, ist dies die höchste Anzahl für die Wintermonate seit der Verfestigung dieser maritimen Migrationsroute vor anderthalb Jahren.

Im gesamten Jahr 2019 waren von den britischen Behörden 1.892 Migrant_innen erfasst worden, die auf Booten übergesetzt waren und das britische Hoheitsgebiet erreicht hatten, sodass ihnen der Zugang zu britischen Aufnahmeverfahren offen stand. Im gleichen Zeitraum unterbanden die französischen Behörden nach eigenen Angaben die Passage von 2.358 Personen (gegenüber 586 im Vorjahr 2018); die Anzahl der Passageversuche gaben sie mit 261 an, was – abgesehen von sporadischen Versuchen, den Ärmelkanal zu durchschwimmen – auf die Anzahl der im französischen Hoheitsgebiet abgegriffenen Boote schließen lässt. Etwa 45 % der Bootspassagen verliefen im Jahr 2019 damit erfolgreich, etwa 55 % wurden unterbunden. Der für Sicherheit zuständige Staatsminister im britischen Innenministerium, Brandon Lewis, gab im Februar 2020 an, dass sich der Anteil unterbundener Bootspassagen von 48 % in 2019 auf 75 % Anfang 2020 erhöht habe. Die Mehrzahl der Bootsflüchtlinge stammte und stammt aus dem Iran, dessen Staatsbürger_innen eine gute Chance auf Anerkennung im britischen Asylverfahren haben.

Am 21. Januar sank vor der Küste des belgischen Badeortes De Panne nahe der französischen Grenze ein Boot mit 14 Passagieren, die sich schwimmend an die Küste retten konnten und eine umfangreiche Suchaktion auslösten, aber auch die Ausweitung der Ablegestellen vom Raum Calais entlang der nordfranzösischen Küste bis nach Belgien in den Blick der Öffentlichkeit rückten. Einem Bericht der BBC zufolge reagierte das britische Innenministerium mit der Ankündigung, „einen Grenzoffizier nach Zeebrugge zu entsenden, um den Informationsaustausch mit den belgischen Behörden zu verstärken.“

Bereits einen Tag später, am 22. Januar, meldete BBC den Aufgriff von zwei Booten mit je 13 Passagieren im britischen Hoheitsgebiet sowie die Rettung von 24 Passagieren auf der französischen Seite, nachdem ein Boot nach dem Ausfall des Motors in Schwierigkeiten geraten sei. Insgesamt hätten nach Angaben der französischen Behörden im Januar 371 Personen den Kanal zu queren versucht, 95 von ihnen mit Erfolg.

Am 6. Februar erreichten acht Boote mit 90 Passagieren Großbritannien, was aus Sicht der BBC einen Tageshöchstwert darstellte. Dieser wurde bereits am folgenden Tag übertroffen, als 102 Personen in sechs Booten erfolgreich übersetzten, während die französischen Behörden 30 weitere Passagiere stoppten. Unmittelbar darauf setzte mit dem Orkan Ciara (deutsch: Sabine) eine Folge schwerer Stürme ein, die vor allem die Kanalregion trafen.

Nach dem Abklingen der Stürme berichtete die BBC am 25. März, dass erneut 96 Personen iranischer, irakischer, afghanischer und kuaitischer Nationalität auf sechs Boote die Insel erreicht hätten, davon allein auf einem Boot 42 Personen. 74 weitere Menschen seien im französischen Seegebiet gestoppt worden. Am frühen Morgen des 28. März erreichten in vier Booten 53 Passagiere aus dem Iran, Irak, Kuwait, Syrien und Jemen das britische Hoheitsgebiet.

Am 2. April meldete BBC die erfolgreiche Passage von über 40 Personen, am 7. April dann von 63 Personen. Gleichzeitig veröffentlichte der Sender die auf amtlichen Quellen und eigenen Recherchen beruhende Schätzung, dass seit Januar 2019 etwa 2.400 Menschen auf diese Weise Großbritannien erreicht hätten. Dies bedeutet, dass es in den Wintermonaten Januar bis Anfang April 2020 etwa 500 gewesen sein dürften, während die Zahl im Vergleichszeitraum des Vorjahres noch unter 300 gelegen hatte (siehe hierzu die Statistik hier).

Diese Entwicklung belegt, dass die Grenzpassage in Booten eine der wichtigsten und erfolgversprechendsten Migrationstechniken zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien geworden ist. Die dabei in der Regel verwendeten Dinghies (motorisierte Schlauchboote mit verstärktem Rumpf) waren in vielen Fällen offenbar überladen. Berichte von Passagieren, die etwa der Guardian veröffentlichte, lassen darauf schließen, dass Passagieren unrichtige Angaben über die Qualität der Boote gemacht und bei deren Ablegen Zwang ausgeübt wurde und wird. Auch ist die Passage des Kanals weitaus gefährlicher, als es die scheinbare Nähe der von Calais aus bei gutem Wetter sichtbaren britischen Steilküste suggeriert. Allerdings kam es im Winter 2020 offenbar zu keinem tödlichen Zwischenfall, während 2019 eine iranische Doktorandin bei einer Rettungsaktion von Bord stürzte und ertrank, zwei Männer mit einem unmotorisierten Schlauchboot tödlich verunglückten und mindestens ein weiterer Mann beim Versuch, den Kanal zu durchschwimmen ertrank (siehe hier).

Verfolgt man die Berichterstattung der BBC in dieser Phase, so wurden die Bootspassagen als Teil eines sicherheitspolitischen Narrativs verhandelt, das um die Organisation durch kriminelle Schleuser, die Gefährlichkeit der Passage, Rückschiebungen nach Frankreich und den Ausbau der Sicherheitslogistik kreiste, während die als aggressiv bekannte britische Boulevardpresse das etabierte Szenario einer Invasion der Insel weiter bediente. Allerdings wurde deutlich, dass die von den französischen und britischen Innenministern in ihrem joint action plan vom 24. Januar 2019 formulierte Politik der Abschreckung durch unmittelbare Rückschiebung der Bootsflüchtlinge nach Frankreich nicht greift, denn während die mehrheitlich iranischen Bootspassagiere gute Aussichten in einem britischen Asylverfahren besitzen, wurden im gesamten Jahr 2019 lediglich 125 Personen nach Frankreich oder in ein anderes EU-Land zurückgeschoben. Umso vehementer betonten Regierungsvertreter die technologische Aufrüstung: „We have extra patrols on French beaches, drones, specialist vehicles and detection equipment which has been deployed to stop small boats leaving European shores and we’re supporting security enhancements and increasing intelligence sharing in Belgium and France“, so Brandon Lewis laut BBC nach den Bootspassagen vom 6. und 7. Februar.

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie endeten die Bootspassagen zwar nicht, jedoch kommt der Nexus Migration und Seuche nun als ein neues narratives und administratives Element hinzu. So titelte die Boulevardzeitung The Sun am 4. April: „HEALTH HAZARD – Over 50 migrants caught crossing Channel after coronavirus breaks out in Calais camp“. Für die Passagiere hingegen bedeutet die Pandemie konkret, dass sie bei ihrer Ankunft in Dover, wohin sie von der britischen Border Force in aller Regel zunächst gebracht werden, auf Anzeichen einer Infektion mit dem betreffenden Virus getestet und gegebenenfalls unter Quarantäne genommen werden.

(Zur Etablierung der Bootspassagen vgl. auch: Thomas Müller, Uwe Schlüper, Sascha Zinflou: Querung des Kanals, München 2019, Download hier)