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Calais

Räumung im neuen Jungle

Seit dem frühen Vormittag des heutigen 29. September 2020 läuft in Calais eine groß angelegte Räumung des Geländes, auf das sich nach der letzten Räumungswelle im Juli ein Teil der migrantischen Camps verlagert hatten. Es war dadruch zum wichtigsten Lebensort der (je nach Quelle) 1.000 und 1.500 Migrant_innen geworden, die sich momentan informell in Calais aufhalten.

Polizei zu Beginn der Räumung am frühen Morgen des 29. September 2020 (Foto: Auberge des migrants)

Die zurzeit geräumten Camps sind diejenigen, die seit Juli als der neue Jungle von Calais gelten, so wie zuvor die Camps im Industriegebiet Zone des dunes und an der Route de Gravelines (siehe hier). Seit deren Räumung lebt ein Teil der betroffenen Menschen an verschiedenen Stellen der Innenstadt, der Außenbezirke und des Dünenstreifen, teils auf dem Gebiet einiger Nachbargemeinden. Andere, vor allem Sudenas_innen und Afghan_innen, ließen sich auf dem heute geräumten Gebiet nieder, wo zuvor bereits in geringerem Umfang Camps existiert hatten. Vor wenigen Tagen, am 26. September, war von hier aus eine Demonstration (siehe hier, Guardian und Passeurs d’hospitalités) mit einigen hundert Teilnehmer_innen in die Innenstadt aufgebrochen, um die anhaltende Verletzung der Menschenrechte, die unwürdigen Lebensbedingungen und das kürzlich ergangene Verbot von Nahrungsverteilungen im Stadtzentrum (siehe hier, hier und hier) anzuprangern.

Das geräumte Gebiet ist eine weitläufige und unübersichtliche, von zahlreichen Pfaden durchzogene Natur- und Brachlandschaft am Stadtrand, gelegen zwischen dem Calaiser Krankenhaus und einem Autobahnkreuz, an dem die Zubringrautobahn zum Fährhafen beginnt. Das Gelände war vor einigen Jahren für den Bau eines Freizeitparks vorgesehen und ist über den Boulevard des Justes erschlossen. Mehrere an dieser Straße gelegene Kreisverkehre dienen als Anlaufstellen für die Verteilung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern. Auch die vom Staat mandatierte (und durch das Verbot privilegierte) Organisation La vie active führte hier Verteilungen durch.

Über den Umfang und den Verlauf der laufenden Räumung ist noch wenig bekannt. Die zivilgesellschaftliche Organisation Auberge des migrants veröffentlichte Fotos, die ein großes Polizeiaufgebot zeigen (siehe oben). Bestätigt wird dies durch die Lokalzeitung La voix du Nord. Das Blatt vergleicht die Räumungen mit denen vom Juli und erwartet aufgrund der topographischen Gegebenheiten einen komplizierten und langwierigen Verlauf. Nach der „Evakuierung“ sei eine „Säuberung“ vorgesehen. In der behördlichen Terminologie umschreibt dies eine Routine, bei der neben Abfällen auch das zurückgelassene persönliche Eigentum der betroffenen Menschen als Müll entsorgt wird – bei größeren Räumungen mitunter im Umfang mehrerer Tonnen. Ob es danach, wie bei allen größeren Räumungen der vergangenen beiden Jahre, zu einer Umzäunung kommen oder aber eine Fläche für künftige Camps verbleiben wird, ist unklar.

Die Räumung verdeutlicht ein weiteres Mal die Paradoxie „repressiver Elendsverwaltung“ (so der Journalist und Autor Tobias Müller) in Calais: Das am 10. September ergangene Verbot von Nahrungsverteilungen in der Innenstadt zielt darauf ab, die Migrant_innen von dort an die Peripherie und in die Unsichtbarkeit zu verdrängen – genau dorthin also, wo sie nun geräumt werden. Diese Taktik des permanenten Raumentzugs ohne Bereitstellung einer alternativen Unterkunft, aber mit Transporten in Aufnahmezentren außerhalb der Grenzregion, ist auch diesmal zu erwarten. Bekanntlich kehren die meisten Betroffenen meist schon nach wenigen Tagen aus diesen Zentren zurück und werden dies wohl auch diesmal tun. Mit der heutigen Räumung verringert sich der Raum, der ihnen bleibt, ein weiteres Mal.