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Calais Channel crossings & UK Grande-Synthe

„Ich glaubte, dass diese Grenze ein blinder Fleck sei“

Interview mit Maël Galisson über die Toten der französisch-britischen Grenze (Teil 1)

English version below

Silhouetten auf dem Asphalt vor dem Fährhafen von Calais. (Foto: Th. Müller, April 2016)

Maël Galisson dokumentiert seit vielen Jahren die Todesfälle von Exilierten im französisch-britischen Grenzraum. Für die Rechtshilfe-Initiative GISTI, das Londoner Institute of Race Relations und das Permanent Peoples‘ Tribunal legte er kürzlich die Studie Deadly Crossings and the militarisation of Britain’s borders vor, die wir an dieser Stelle bereits vorgestellt haben (siehe hier). In einem Interview mit unserem Blog gibt Maël Galisson nun Auskunft über sein Projekt, diese Grenztoten in Erinnerung zu halten, über die tödlichen Folgen der momentanen Grenz- und Migrationspolitik, über zynische Instrumentalisierungen und über das Unsichtbarmachen der Opfer über ihren Tod hinaus. Wir veröffentlichen das schriftlich geführte Interview in mehreren Teilen.

Herr Galisson, Sie dokumentieren seit vielen Jahren die Todesfälle von Migrant_innen in Verbindung mit ihrer Reise nach Großbritannien. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen? Und worin genau besteht Ihr Projekt?

Ich arbeitete drei Jahre lang (von 2012 bis 2015) für die Plateforme des Soutiens aux Migrant·es (PSM), ein Netzwerk lokaler Vereinigungen zur Unterstützung von Geflüchteten im Norden von Frankreich (Calais und Umgebung). Nach dieser Erfahrung beschloss ich, Nachforschungen über Todesfälle anzustellen, die sich an der Grenze zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich ereignen. Während der drei Jahre, die ich dort verbrachte, wurde ich zusammen mit den Aktivist_innen und Freiwilligen on the ground mit einer Reihe dramatischer Ereignisse konfrontiert, darunter mehrere Todesfälle. Sind diese Ereignisse brutale Schocks für die Angehörigen der Opfer, lösen sie auch unter den Aktivist_innen und Freiwilligen Verzweiflung aus.

Einerseits hat man, wenn so etwas geschieht, keine Zeit zu begreifen oder gar zu analysieren, was geschieht: Du musst die Familie des oder der Opfer ausfindig machen und informieren; manchmal musst Du helfen, das oder die Opfer zu identifizieren oder eine Lösung für die Beisetzung oder Überführung des Leichnams in das Herkunftsland zu finden, neben anderen Dingen. Anderseits behandeln die lokalen Medien diese Todesfälle lediglich als Thema unter vielen und betrachten sie als unvermeidliche Folgen der Situation.

Informationen über diese Grenztoten zu sammeln und eine Liste der Opfer zu erstellen bedeutet zu zeigen, dass es keine „neuen Einzelthemen“ sind. Es zeigt, dass diese Verluste aus einer systematischen und dauerhaften Logik resultieren: Diese Menschen sind Opfer der Migrationspolitik.

Wir haben den Eindruck, dass keine öffentliche Institution solche Todesfälle systematisch erfasst und dokumentiert. Stimmt das?

Über 25 Jahre lang haben die Behörden in Nordfrankreich dran gearbeitet, die Migrant_innen, die Großbritannien zu erreichen versuchen, unsichtbar zu machen. Nach der Schließung des Zentrums in Sangatte im Jahr 2002 haben sich die französischen Behörden stets für die Mobilisierung starker Polizeikräfte entschieden, um die Migrant_innen vom Bleiben abzuhalten, indem sie deren tägliches Leben in den informellen Camps und Ansiedlungen in Calais und Umgebung unerträglich machen. Diese Politik der Schikane findet auch heute noch statt.

Mir scheint, dass sich die Produktion der Unsichtbarkeit der Migrant_innen seitens der Behörden bis zu ihrem Tod und manchmal auch über ihn hinaus fortsetzt. Bis vor kurzem haben die Behörden keine statistischen Angaben über die Zahl der an der Grenze gestorbenen Menschen gemacht. Seit 2015/16 – einem kritischen Zeitpunkt, der durch die Zunahme solcher Todesfälle an der Grenze gekennzeichnet war – geben sie eine jährliche Zahl heraus und vergleichen sie mit der des Vorjahres.

Allerdings umfasst diese offizielle Zahl meistens nicht alles. Überdies geben die Behörden keine Details über die Opfer bekannt, etwa ihre Namen, ihren Leben, ihren Werdegang und andere wichtige biographische Informationen. Vielmehr haben die Behörden diese Statistik in ihrem eigenen Diskurs als ein abschreckendes Argument genutzt, um Migrant_innen davon ab zuhalten, die Grenzpassage zu versuchen. Dabei erklären die Behörden einerseits: „Ihr riskiert zu sterben, wenn ihr die Grenze überquert“. Aber auf der anderen Seite etablieren sie eine Politik, die keine angemessenen Unterbringungsbedingungen in Frankreich schafft und den Leuten zugleich verbietet, frei von Frankreich nach Großbritannien zu reisen. Dadurch drängen sie die Migrant_innen zu den Schmugglern, zwingen ihnen jede Menge Risiken auf und versuchen dann umgekehrt, als Beschützer der Migrant_innen zu erscheinen. Diese Situation ist zynisch.

Mit welcher Methode arbeiten Sie, und welche Informationsquellen nutzen Sie?

Ich habe hauptsächlich zwei Datenquellen: zum einen Zeugnisse von Aktivist_innen und Freiwilligen on the ground, zum anderen Presseartikel. Einige Journalist_innen wie Marion Osmont oder Haydée Sabéran haben bei der Berichterstattung über einige der Ereignisse in der Region wirklich gute Arbeit geleistet. Ich nutze außerdem NGO- und Forschungsberichte. Die sozialen Netzwerke können hilfreich sein, um zusätzliche Details und Informationen zu finden.

Es ist wichtig, die Quellen gegenzuprüfen. Während ich mir ziemlich sicher bin, dass mehrere Opfer in Vergessenheit geraten sind, kommt es auch vor, dass falsche Gerüchte über Todesfälle oder vermisste Personen kursieren. Daher ist ein Faktencheck notwendig.

Ich möchte eine These aufstellen: Abgesehen von den EU-Außengrenzen im Süden und Südosten sterben nirgendwo in Zentraleuropa sie so viele Exilierte beim Versuch, eine Grenze zu überqueren, wie hier. Würden Sie zustimmen?

Ich weiß es nicht. Als ich mich entschied, diese Forschung durchzuführen, wollte ich in erster Linie die tödliche Realität dieser Grenze sichtbar machen. Manche Aktivist_innen und Journalist_innen haben die gleiche essentielle Dokumentationsarbeit an den Außengrenzen der EU geleistet, etwa für die Ägäis oder die Straße von Sizilien, und ich dachte, es wäre wichtig, das gleiche für Calais zu machen. Ich wollte zeigen, dass es die Opfer der Migrationspolitik nicht nur weit entfernt, hinter den EU-Grenzen, gibt: Migrant_innen sterben ebenso hier. Ich glaubte, dass diese Grenze ein bisschen so etwas wie ein blinder Fleck in dieser Art von Forschung sei.

Sie listen momentan 297 Todesfälle innerhalb letzten 21 Jahre auf. Wie vollständig ist diese Zahl?

Die Liste ist nicht vollständig. Einerseits ist es wahrscheinlich, dass einige Todesfälle und vermisste Personen an der Grenze nicht dokumentiert wurden. Heute sind Aktivist_innen und Freiwillige aufmerksamer in Bezug auf dieses Thema, und die Medien sind ebenfalls interessierter daran, über solche Ereignisse zu berichten (wenn auch manchmal mit einem unglücklichen Ansatz). Auch ist es dank der Sozialen Medien manchmal einfacher, Informationen zu finden. Dem gegenüber ist es sehr viel komplizierter, Todesfälle aus den 1990er- oder den beginnenden 2000er-Jahren zu dokumentieren, und die Ermittlungsarbeit kann dürftig ausfallen. Solange jedoch die Migrationspolitik die Mobilität der Menschen verhindert, werden Grenzgebiete weiterhin Gewalt und Tode produzieren. Daher wird sich die Liste der Opfer verlängern.

„I thought this border was a blind spot“

An Interview with Maël Galisson about deaths at the Franco-British border (part 1)

Mr Galisson, you have been documenting deaths of migrants in connection with their journey to the UK for several years. How did you come to be interested in this subject? And what exactly is your project?

I worked for 3 years (between 2012 and 2015) for the Plateforme des Soutiens aux Migrant·es (PSM), a network of local associations supporting refugees in the north of France (Calais and its area). It is following this experience that I decided to conduct research into the deaths that occur at the border between the United Kingdom and France. During the three years I spent there, together with the activists and volunteers on the ground, I was confronted to a range of dramatic events, including several deaths. While these events are brutal shocks for relatives of the victims, they also trigger distress among activists and volunteers.

On the one hand, when this kind of events occurs, you have no time to understand, let alone to analyse, what happened: you need to try locating and informing the family of the victim(s); sometimes, you have to help identifying the victim(s) and to find a solution for the funeral or the repatriation of the body, among other things. On the other hand, the local media considers these deaths like news items among others, and sees them as inevitable consequences of the situation.

Collecting information about these border deaths and establishing a list of victims is a means to show these are not ‘isolated new items’. It shows that these losses result from a systematic and enduring logic: these people are victims of migration policies.

We have the impression that there is no public institution that systematically records and documents such deaths. Is that true?

For over 25 years, in the north of France, the authorities have tried orchestrating the invisibility of migrants who want to reach UK. Following the closure of the Sangatte centre, in 2002, the French authorities have continuously chosen to mobilise heavy police forces in order to deter migrants from staying, by making their daily life in the informal camps and settlements in Calais and its area unliveable. This harassment policy is still happening now.

It seems to me that this production of migrant invisibility on the part of the authorities continues untila and sometimes after their death. Until recently, public authorities did not provide any statistical information regarding the number of people who died at the border. Since 2015/2016, a critical moment characterised by a surge in such border deaths, they have started providing a yearly number, which they compare with that from the previous year.

However, most of the time, this official number is not comprehensive. Besides, authorities do not provide any details regarding the victims, such as their names, their lives, their trajectories, and other important biographic information. Rather, in their discourse, the authorities have used this statistic as a deterrence argument, in order to dissuade migrants from attempting to cross the border. Thereby, on the one hand, the authorities claim: “You risk dying if you cross the border”. But, on the other hand, they establish policies which both fail to provide adequate hosting conditions in France and forbid people to move freely from France to the UK. By doing so, they push migrants towards smugglers, oblige them to take a lot of risks and, in turn, they then try to appear as protective of migrants. This situation is cynical.

What method and what sources do you use to obtain the information?

I have two main data sources: the testimonials of activists and volunteers on the ground, on the one hand, and press articles, on the other hand. Some journalists, such as Marion Osmont or Haydée Sabéran, have done a really good job in covering some of the events occurring in the region. I also use NGO and research reports. Social networks can help finding additional detail and information.

It is important to crosscheck the sources. While I am quite sure that several victims have fallen into oblivion, it also happens that fake rumours of deaths or missing persons circulate. Therefore, fact checking is necessary.

I would like to put forward a hypothesis: If you disregard the EU’s external borders in the south and south-east, nowhere else in Central Europe do so many exiles die trying to cross a border as here. Would you agree with that?

I do not know. When I decided to conduct this research, I wanted principally to make visible the deadly reality of this border. Some activists and journalists have done this essential work of documentation at the external borders of the EU, such as in the Aegean Sea or in the strait of Sicily, and I thought it would be important to do the same thing in Calais. I wanted to show that the victims of migrations policies are not only far away, beyond the EU border: migrants also die here. I thought this border was a little bit of a blind spot in this kind of research.

You currently list 297 deaths over the last 21 years. How complete is this figure?

This list is not comprehensive. First, it is likely that some deaths and missing persons at the border are not documented. Today, activists and volunteers are more vigilant regarding this issue and the media is also more interested in covering this kind of event (though sometimes with an unfortunate approach). Also, thanks to social networks, it is sometimes easier to find information. However, documenting deaths that happened in the 1990s or at the beginning of the 2000s is more complicated and the investigative work can be tenuous. Moreover, so long as migration policies prevent the mobility of people, border areas will continue producing violence and deaths. Therefore, the list of victims will lengthen.