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Channel crossings

Dreimal mehr Passagen

Hoheitsgrenze und Search and Rescue-Grenze im Ärmelkanal. (Quelle: BBC)

In der medialen Repräsentation der Bootspassagen nach Großbritannien spielen Rekordwerte eine zentrale Rolle. Im vergangenen Jahr wurden regelmäßig neue Tages- und Monatshöchstwerte gemeldet, bis schließlich ein neuer Jahresrekord von etwa achteinhalbtausend Personen erreicht war. Den Rekordmeldungen haftete dabei etwas Alarmistisches an, und dieser Ton wurde durch den britischen Boulevard, konservative Politiker_innen und rechte Aktivist_innen zum Szenario einer Invasion der Insel verdichtet. Nach langer Ankündigung legte die britische Regierung dann am 24. März 2021 Pläne eines Zweiklassen-Asylrechts vor, das sich explizit gegen die Channel crossers richtet (Analyse folgt). Zur gleichen Zeit wurde deutlich, dass die Kanalroute in den ersten drei Monaten dieses Jahres von sehr viel mehr Menschen erfolgreich genutzt wurde als im Vorjahr. Wie die BBC am 24. März, dem Tag der Veröffentlichung der Regierungspläne, meldete, haben seit Januar 1.045 Geflüchtete in Booten übergesetzt; im gleichen Zeitaum des Vorjahres waren es 338 gewesen. Die Zahl hat sich also verdreifacht, sodass sich eine Normalität andeutet, die die Rekordtage des vergangenen Jahres in den Schatten stellen dürfte.

Ein solcher neuer Rekordtag war der 23. März 2021, als dem gleichen BBC-Bericht zufolge 183 Personen in sechs Booten britisches Hoheitsgebiet erreichten. Am gleichen Tag hätten die franzsösischen Behörden die Überfahrt von 167 Personen verhindert. Wie der BBC-Reporter Simon Jones berichtete, folgten nächsten Tag weitere 67 und am übernächsten Tag, dem 25. März, 77 Menschen, während die französischen Behörden an den gleichen Tagen die Überfahrt von 114 bzw. 79 Menschen verhinderten. Einen Monat zuvor hatte die Erfolgsquote sogar noch höher gelegen (siehe hier), doch auch eine solche fifty-fifty-Chance ist im Vergleich zu anderen maritimen Routen bemerkenswert.

Neben der Etablierung eines Post-Brexit-Asylverfahrens, das den Bootspassagieren einen deutlich ungünstigeren Status zuweist, dürfte der Erfolg der Kanalroute auch den Druck auf die Camps in Nordfrankreich weiter erhöhen. Aus Sicht der britischen Regierung stellt die Fabrikation einer beständig feindseligen Umgebung, wie wir sie in Calais und Grande-Synthe beobachten können, eine Art abschreckendes Vorfeld der Grenze her und fungiert damit für das Vereinigte Königreich wie die Agäis-Inseln, Bosnien oder die Sahara-Region für die Europäische Union (siehe hier).

Sollte die Kanalroute im Jahresverlauf einer ähnlichen Dynamik unterliegen wie im vergangenen Jahr, also einem kontinuierlichen Anstieg bis zum Spätsommer und einem witterungsbedingten Rückgang im Herbst, so dürfte die Anzahl der erfolgreichen Bootspassagen zum Jahresende in einer Größenordnung von ungefähr 20.000 Personen oder sogar noch darüber liegen. Die politischen Reaktionen, medialen Diskurse und Social-media-Kampagnen sind erwartbar. Gleichzeitig aber zeigt die bisherige Entwicklung, dass sich die Querung des Kanals nicht wird verhindern lassen, der Versuch aber, sie zu verhindern, nicht ohne den stetigen Bruch elementarer Menschenrechte möglich ist. Die politische Folgerung lautet demnach: Der Versuch muss beendet werden. Der politische Raum für eine Neuaushandlung dessen, was transnationale Mobilität ist, würde damit einen Spalt breit geöffnet.