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Calais Solidarität

Commémoraction: Sichtbarmachung des Schreckens

Beisetzung von Mohamad Abdallah Youssef auf dem Nordfriedhof von Calais, 4. Februar 2022 (Foto: Julia Druelle)

Der bislang letzten Menschen, der infolge der britisch-französischen Grenzpolitik starb, war Mohamad Abdallah Youssef aus dem Sudan (siehe hier). Am 4. Februar 2022 setzten Freunde und Weggefährten ihn auf dem Nordfriedhof von Calais bei. Zwei Tage später demonstrierten rund 500 Menschen in Calais zum Gedenken an die Toten der Grenze. „Ich habe ihn wegen der geschlossenen Grenze verloren,“ erklärte Mohamads Cousin auf der Kundgebung. Die Demonstration war Teil des internationalen Gedenk- und Protesttags CommemorAction bzw. Commémoraction in Erinnerung an die Tötung von mindestens 15 Exilierten durch die spanische Guardia Civil am 6. Februar 2014 (siehe hier). Wir dokumentieren den Protest anhand einer Bilderserie der Calaiser Fotografin Julia Druelle.

Demonstration Commémoraction in Calais, in Erinnerung an die 347 Menschen, die seit 1999 an der französisch britischen Grenze starben. (Foto: Julia Durelle)

Am Richelieu-Park in der Calaiser Innenstadt befindet sich das Ehrenmal für die Gefallenen der Französischen Republik. Der Platz vor dem Denkmal dient seit vielen Jahren als Ort spontaner Gedenkveranstaltungen, wenn bekannt wird, dass ein Mensch mehr im Kontext der Grenze gestorben ist. Inzwischen sind 347 Grenztote dokumentiert, deren Namen, soweit sie bekannt sind, der Demonstration vorausgetragen wurden. Auch die Teilnehmer_innen trugen Schilder mit den Namen und den Lebensdaten.

Die Demonstration auf dem Weg von der Calaiser Innenstadt zur Küste des Ärmelkanals. (Foto:Julia Druelle)

Der Blériot-Strand am westlichen Rand von Calais ist einer der Orte, von dem aus Boote in Richtung Großbritannien ablegen. Hier fand die Demonstration ihren Abschluss. Anaïs Vogel, die im vergangenen Jahr gemeinsam mit zwei anderen Aktivisten für die Rechte der Geflüchteten in einen Hungerstreik getreten war, klagte die tödlichen Folgen von Grenzen im internationalen Maßstab an. Vor dem Hintergrund vorbeifahrender Kanalfähren, die der Mehrheitsbevölkerung eine sichere und legale Reiseroute nach Großbritennien sichern, wurden die Namen der Opfer verlesen. Als die Namen der Grenztoten der letzten Jahre verlesen wurden, legten sich die Teilnehmer_innen in den Sand, um die Anzahl allein dieser Menschen zu symbolisieren.

Bei der Verlesung der Namen der Grenztoten am Blériot-Strand. (Foto: Julia Druelle)

Einen Tag nach der Demonstration, am 7. Februar 2022, besetzten Aktivist_innen mehrere leerstehende Gebäude in Calais aus Protest dagegen, dass Wohnraum seit Jahren ungenutzt ist, während Exilierte auf der Straße leben und ihre Camps im Abstand von 48 Stunden systematisch geräumt werden. Beides, das Gedenken an die Grenztoten und die Aneignung von Wohnraum, setzt die im vergangenen Jahr entstandene neue Dynamik solidarischer Politik fort. Auch wenn der Schrecken nicht endet, so weist dies über ihn hinaus.