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Calais Channel crossings & UK

Pullback im Ärmelkanal

Pullback bei Calais, 6. Mai 2022. (Foto: Privat / Utipia 56)

Wie die Organisation Utopia56 am 31. Mai 2022 mitteilte, hat am 6. Mai 2022 zum ersten Mal nachweislich ein „Pullback“ im Ärmelkanal stattgefunden. Pullbacks sind Maßnahmen, mit denen Migrant_innen daran gehindert werden, die Grenze ihres Ziellandes zu erreichen. Sie stellen vorverlagerte Pushbacks dar, bei denen Migrant_innen nach dem Überschreiten einer Grenze zurückgedrängt werden, ohne Berücksichtigung ihrer individuellen Umstände und ohne die Möglichkeit, Asyl zu beantragen oder Argumente gegen die getroffenen Maßnahmen vorzubringen. Damit wird unter anderem Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verletzt, welcher garantiert: „Jeder Mensch hat das Recht jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren“. Bisher sind diese teils gewaltvollen Zurückweisungen von Schutzsuchenden vor allem aus dem Mittelmeer bekannt. Ein Versuch Großbritanniens, Pushbacks auch im Ärmelkanal zu etablieren, scheiterte im April (siehe hier). Frankreich wiederum hatte die britische Forderung, Bootsmigrant_innen in seinen eigenen Hoheitsgewässern abzufangen, also Pullbacks im Interesse Großbritanniens durchzuführen, bislang kategorisch abgelehnt.

Nachfolgend dokumentieren wir den Bericht von Utopia56 in eigener Übersetzung:

Am Freitag, dem 6. Mai 2022, brachte die Gendarmerie Maritime du Pas-de-Calais ein Boot mit 19 Migrant_innen, das sich auf dem Weg nach England befand, absichtlich in Gefahr und zwang es anschließend, bis zum Strand geschleppt zu werden. Nach diesem Vorfall, bei dem es sich um eine illegale und gefährliche Aktion der Gendarmerie handelte, veröffentlichte die Seepräfektur eine irreführende Pressemitteilung

Gegen 7.30 Uhr entdeckte das Team von Utopia 56 während seiner Präventionsmission an der Nordküste auf dem Parkplatz des Sémaphor zwischen Sangatte und Calais ein Feuerwehrauto, zwei Fahrzeuge der Gendarmerie sowie 19 Migrant_innnen, darunter 6 Kleinkinder.

Das Team von Utopia 56 begab sich an den Ort, um die Personen mit warmer und trockener Kleidung und Nahrung zu versorgen und ihre dringenden Bedürfnisse einschätzen zu können. Dabei konnten mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen über den Verlauf der von der Gendarmerie durchgeführten „Rettungsaktion“ gesammelt werden.

Den gesammelten Informationen zufolge hatte das Boot, das seit circa 15 bis 20 Minuten unterwegs war, keinerlei technische Probleme, als gegen 6.20 Uhr zwei Boote der Gendarmerie das Boot der Migranten_innen einkreisten und „4 oder 5 Mal“ umrundeten, was Wellen verursachte, die dazu führten, dass das Boot „etwa 20 Zentimeter“ mit Wasser gefüllt wurde:

„Es war wirklich erschreckend, die Kinder weinten und die Mütter schrien: wir haben ein Kind, bitte tun Sie das nicht“.  „Der Bootsführer hat das Boot schließlich angehalten, weil es wirklich chaotisch war, das Boot füllte sich mit Wasser“. „Es war wirklich erschreckend, sie waren buchstäblich dabei, uns zu ertränken.“ (Aussage von A., Person, die auf dem Boot anwesend war)

Laut der Präfektur, die zunächst in einer Lokalzeitung zitiert wurde, fuhren die Gendarmerie, die von der maritimen Rettungsleitstelle CROSS informiert worden war, vor die Küste von Sangatte und stellte fest, dass das Boot einen Motorschaden erlitten hatte. Diese Information wurde von unseren Zeugen dementiert, die nach dem Eingreifen der Gendarmerie selbst den Motor abgestellt hatten. 

In einer am selben Tag von der Präfektur veröffentlichten Pressemitteilung wurde behauptet, dass die vom CROSS alarmierte Gendarmerie das Schnellboot Eulimène geschickt hätte. Allerdings zeigten Fotos, die von den auf dem Boot anwesenden Personen gemacht wurden, zwei Boote der Gendarmerie, die nicht mit diesen übereinstimmten. Es waren keine anderen Boote vor Ort.

Während des Pullbacks am 6. Mai 2022 anwesende Boote (Fotos: Privat / Utopia 56)

Laut derselben Pressemitteilung nahm das Schnellboot Eulimène „19 Schiffbrüchige an Bord und setzte sie am Strand von Sangatte ab“: Den Personen auf dem Boot wurde jedoch nie angeboten, auf ein Boot der Gendarmerie zu steigen, sondern ihr Boot wurde bis zum Strand geschleppt.

Abschleppen des Bootes am 6. Mai 2022. (Foto: Privat / Utopia 56)

Alle Befragten waren sich darüber einig, dass vom Schiff aus kein Notruf abgesetzt wurde und dass die Art und Weise des Vorgehens der Gendarmerie zu ihrer Gefährdung beigetragen hat. 

Es ist das erste Mal, dass ein solcher Fall der Zwangszurückweisung im Ärmelkanal festgestellt wurde. Die Lügen der Präfektur belegen den Willen, diese Praxis zu verheimlichen.

„Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.“ (Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)