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Calais

Ein bisschen kolonial

Polizeikontrolle in Calais, 12. Juli 2022 (Video: N. N. / Tweet: Human Rights Observers)

Einen Einblick in die Lebenswirklichkeit on the move gibt ein Video, das Betroffene während einer Polizeikontrolle am 12. Juli 2022 in Calais aufnahmen. Der von Human Rights Observers veröffentlichte Film zeigt, wie Angehörige der Polizeieinheit CRS sich über Exilierte lustig machen und ihnen ihre Überlegenheit demonstrieren. Ihr Ton ist höhnisch und herablassend, und sie selbst sind es, die in flapsigem Ton auf koloniale Muster Bezug nehmen. „Polizeigewalt dieser Art gibt es ständig. Der Unterschied ist, dass es normalerweise keine Bilder gibt“, sagte Laure Saboureux von Human Rights Observers dem französischen Onlinemedium InfoMigrants. „Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs“.

Der Film entstand offenbar während einer interpellation, einer vorläufigen Festnahme zur Personalienfeststellung. Wie die Person, die das Video drehen konnte, berichtete, seien die Polizisten zuvor mit ihrem Van auf die Migrant_innen zugefahren, die fürchteten überfahren zu werden. Die Polizisten seien ausgestiegen und es sei zu Schlägen von mindestens einem CRSler auf mindestens einen der Migranten gekommen.

Diese Schilderung lässt sich anhand des Videos nicht verifizieren, denn es setzt erst danach ein. Die Körpersprache der Polizisten vermittelt latente Gewaltbereitschaft, ihr Ton untereinander ist spöttisch und gegenüber den Exilierten barsch und beleidigend. Ein Polizist befiehlt, das Mobiltelefon auszuschalten und das Maul aufzumachen. InfoMigrants fasst den weiteren Wortwechsel zusammen: „Ein zweiter [CRS-Polizist] fragt einen Kollegen: ‚Trittst du sie nicht auf den Boden?‘. Nach dieser Bemerkung befiehlt ein CRSler der Gruppe, sich hinzusetzen, was die Exilierten sofort tun. Es folgt Gekicher: ‚Das ist die beste Idee, die du den ganzen Tag hattest‘, kichert einer der Polizisten und lobt den Befehlsgeber. ‚Jetzt versuchen wir es mit den Händen auf dem Kopf?‘, ist auf dem Video zu hören. ‚Das sieht ein bisschen kolonial aus, das werden wir vermeiden‘, antwortet ein anderer.“

Die Art und Weise, wie ein Uniformierter die Exilierten zum Sitzen bringt, lässt an das Sitz! denken, das Menschen gegenüber Hunden verwenden. Als sich die Exilierten hingesetzt haben, fragt der CRSler sie noch, ob sie Englisch sprechen, und als sie dies nicht tun, befieht ein anderer ihnen auf Arabisch, den Mund zu halten, denn dies würden sie verstehen. Kurz danach bricht das Video ab, offenbar weil ein Polizist die Aufnahme unterbricht.

Physische Gewalt zeigt der Film an keiner Stelle, dennoch durchzieht ihn latente Gewalt. Es ist so, wie der Polizist es mit dem Kolonialismus hält: Es sieht ein bisschen gewalttätig aus, aber das Machtspiel besteht ganz offensichtlich darin, im Alltag nur ein bisschen kolonial zu sein und genau darauf zu achten, dass keine Bilder entstehen.

Inzwischen forderte Human Rights Observers von der Unterpräfektur in Calais und der Staatsanwaltschaft von Boulogne-sur-Mer, gegen die beteiligten Polizisten zu ermitteln, und wandte sich zugleich an den Défenseur des Droits (unabhängige Behörde zur Verteidigung der Bürger- und Menschenrechte). Allerdings äußerte sich die Gruppe gegenüber InfoMigrants spektisch, ob es tatsächlich zu einer Strafverfolgung kommt.