
Im vergangenen Jahr erreichten 41.472 Menschen an Bord von 672 Schlauchbooten britisches Hoheitsgebiet. Es ist die zweithöchste Personenzahl seit dem Beginn der Bootspassagen im Herbst 2018, und im Gegensatz zu den maritimen Routen im Süden der EU steigt die Zahl der Passagier:innen kontinuierlich an. Während die Kanalroute also robust funktioniert, radikalisiert sich ihr politischer Kontext. Hier ein Blick auf die Zahlen und Dynamiken des vergangenen Jahres.
Der Ärmelkanal war 2025 eine der meistfrequentierten maritimen Migrationsrouten Europas. Zum Vergleich: Während nach Daten der britischen Regierung rund 41.500 Menschen die Kanalroute passierten, gelangten laut UNHCR im gleichen Zeitraum auf der Zentralen Mittelmeerroute rund 65.900 Menschen nach Italien, auf der Östlichen Mittelmeerroute 47.800 nach Griechenland und 2.400 nach Zypern und auf der Westlichen Mittelmeerroute 19.400 nach Spanien, wohin weitere 17.700 Menschen auf der hochriskanten Atlantikroute gelangten. Während auf diesen Routen weniger (Östliche Mittelmeer-, Atlantikroute) oder etwa gleich viele (Zentrale und Westliche Mittelmeerroute) Menschen unterwegs waren wie im Vorjahr 2024, war die Kanalroute stärker frequentiert als in allen Vorjahren außer 2022. Dies erklärt sich aus einem schon länger bekannten Effekt: Die Entwicklung der Routen in die EU spiegelt sich am Ärmelkanal nur indirekt und zeitversetzt, da ein Teil der Menschen erst nach Aufenthalten in anderen EU-Staaten in das Vereinigte Königreich weiterreist.
Das Jahr 2022 markierte mit knapp 46.000 Ankünften den bisherigen Höchstwert der Kanalroute, doch lag dies an einem Sonderphänomen: dem vorübergehend hohen Anteil albanischer Migrant:innen. Betrachten wir die Entwicklung über einen längeren Zeitraum und ohne dieses Phänomen, so fügt sich das Jahr 2025 in einen längerfristigen Trend ein: Nach einem starken Anstieg in den frühen Jahren setzte 2021 ein moderater, aber kontinuierlicher Anstieg ein, der bis heute andauert: Die Zahl der Passagier:innen stieg innerhalb von fünf Jahren von knapp 30.000 Personen (2021 und 2023) auf etwa 40.000 Personen (2024 und 2025):
| Jahr | Personen | Saldo | Boote | Saldo |
| 2018 | 299 | 43 | ||
| 2019 | 1.843 | + 516 % | 194 | + 351 % |
| 2020 | 8.462 | + 359 % | 641 | + 230 % |
| 2021 | 28.526 | + 237 % | 1.034 | + 61 % |
| 2022 | 45.755 | + 60 % | 1.110 | + 7 % |
| 2023 | 29.437 | – 36 % | 602 | – 46 % |
| 2024 | 36.816 | + 25 % | 695 | + 15 % |
| 2025 | 41.472 | + 13 % | 672 | – 3 % |
| Gesamt | 192.610 | 4.961 |
Quelle: Britische Regierung
Während des ersten Halbjahrs hatte es noch so ausgesehen, als würde der Höchstwert von 2022 übertroffen werden. Denn die Zahl der Ankünfte lag zur Jahresmitte um fast 50 % über dem Vorjahr (siehe hier) und die Kanalroute war zeitweise die am stärksten frequentierte Europas (siehe hier). Dies bot Stoff für alarmistische Szenarien, doch bewahrheiteten sich diese nicht. Lediglich 13% mehr Menschen erreichten Großbritannien 2025 an Bord von Schlauchbooten, während der Anstieg ein Jahr zuvor noch 25% betragen hatte. Letztlich war die Zahl der Überfahrten während der Winter- und Frühlingsmonate 2025 stärker angestiegen als im Sommer und Herbst, als sie bei schlechter Witterung für längere Zeit unterbrochen waren.
Im Zeitraum von Oktober 2024 bis September 2025 (neuere Daten liegen noch nicht vor) gelangten 7.686 eritreische Staatsangehörige auf Schlauchbooten nach Großbritannien, gefolgt von Menschen aus Afghanistan (5.788), Iran (4.780), Sudan (4.531) und Somalia (3.383). Auf der Kanalroute waren also überwiegend Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, Diktaturen bzw. gescheiterten Staaten unterwegs. Dass nun Menschen aus Eritrea und anderen ostafrikanischen Staaten einen so hohen Anteil ausmachen, ist eine neue Entwicklung. Lange Zeit waren sie auf Verstecke in Lastwagen angewiesen, auch weil sie sich einen Platz in einem Boot nicht leisten konnten.
Neben Schlauchbooten dokumentierten die britischen Behörden weiterhin auch ältere Methoden undokumentierter Einreise, allerdings in geringerem Maße. „5.590 Personen wurden zwischen Oktober 2024 und September 2025 entdeckt, als sie unerlaubt auf andere Weise in das Vereinigte Königreich einreisten, darunter versteckt in Fahrzeugen, auf Fähren oder über Flughäfen. Das sind 17 % weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres“, fasst BBC zusammen.
Wie in den Vorjahren, beantragten nahezu alle Bootspassagier:innen Asyl und dürfen mehrheitlich auf einen Aufenthaltstitel hoffen. Von Oktober 2024 bis September 2025 entfielen etwa 41% aller Asylanträge in Großbritannien auf Menschen, die per Schlauchboot eingereist waren. Dabei machen die Bootspassagen weiterhin nur einen Bruchteil der Einwanderung in das Vereinigte Königreich aus. Für den Zeitraum von Juli 2024 bis Juni 2025 betrug ihr Anteil lediglich 5%.
Stieg die Zahl der Bootspassagier_innen 2025 gegenüber dem Vorjahr um 13% an, nahm die Zahl der Boote um 3% ab. Dies bedeutet, dass sich erneut mehr Menschen auf den verfügbaren Boote befanden: Waren es 2022 bei der Ankunft im britischen Hoheitsgebiet durchschnittlich 41, sind es nun 62. Nicht mitgezählt sind Menschen, die nach der Abfahrt durch französische Rettungsdienste geborgen werden. Mehrere mit der Situation vertraute NGOs gehen daher aktuell von durchschnittlich etwa 70 Menschen zu Beginn der Überfahrt aus.
| Jahr | Pers. pro Boot (bei Ankunft) |
| 2018 | 7 |
| 2019 | 9,5 |
| 2020 | 13 |
| 2021 | 27,5 |
| 2022 | 41 |
| 2023 | 49 |
| 2024 | 53 |
| 2025 | 62 |
Quelle: Eigene Berechnung auf Grundlage von Daten der britischen Regierung.
Mit dem verstärkten Einsatz sogenannter Taxiboote kommen dabei tendenziell größere Bootstypen zum Einsatz. Bei dieser Vorgehensweise beginnen die Boote ihre Fahrt an einer unauffälligen Stelle und nehmen die Passagier_innen erst später an Bord. Die Verknappung der Boote und die Veränderung der Vorgehensweise resultieren aus der migrationspolitischen Strategie, die bei hoher Überwachungsdichte der Küste darauf abzielt, die Lieferketten der Schlauchboote und des Zubehörs bereits im Vorfeld zu unterbrechen.
Immer wieder gerieten Menschen in Not. Die NGO Utopia 56 meldet einen Anstieg der Notrufe im Jahr 2025. Demnach erhielten die Teams in Calais und Grande-Synthe bei Dunkerque 766 Anrufe oder Nachrichten von Menschengruppen, die an der Küste in Not geraten waren. „Das entspricht mindestens 19.152 Personen, was einen Anstieg von 15 % gegenüber dem Vorjahr darstellt.“ Gleichzeitig erklärten 18 % der in Not geratenen Menschen, „polizeiliche Gewalt erlebt zu haben, darunter insbesondere den Einsatz von Tränengas, die mutwillige Beschädigung von Booten oder gefährliche Polizeieinsätze an Stränden. Das sind mehr als 3500 Menschen“. Diese Zahlen spiegeln, so Utopia 56, „die zentrale Rolle der Ordnungskräfte in diesen Gewaltsituationen.“
Riskante und chaotische Situationen beim Ablegen der Boote, die durch das polizeiliche Eingreifen an den Stränden noch verschärft werden können, galten als wesentliche Ursache für die außergewöhnlich hohe Todeszahl im Jahr 2024. Trotz zahlreicher Todesopfer wiederholte sich diese Größenordnung 2025 zum Glück nicht, obschon paradoxerweise mehr Menschen die Route auf weniger Booten passierten.
| Ereignisse | Todesopfer | Leichenfunde | |
| 2018 | 0 | 0 | 0 |
| 2019 | 1 | 1 | 3 |
| 2020 | 2 | 8 | 3 |
| 2021 | 4 | 30 | 5 |
| 2022 | 2 | 5 | 2 |
| 2023 | 5 | 12 | 2 |
| 2024 | 20 | 56 | 21 |
| 2025 | 12 | 15 | 9 |
Nicht berücksichtigt sind Vermisstenfälle, die in der Vergangenheit teils wie Todesfälle gezählt wurden.
Quelle: Calais Border Monitoring, basierend auf den Daten von Maël Galisson, hier.
Die britische Labour-Regierung entwickelte 2025 auf nationaler, bilateraler, europäischer und internationaler Ebene zahlreiche Initiativen, um den Druck auch entlang der Transitrouten und Lieferketten zu erhöhen und eine bessere Handhabe gegen transnationale Infrastrukturen, Finanzströme und Führungspersonen der Schleusernetzwerke zu erhalten. Hinzu kommt der Druck auf irreguläre Arbeitsmärkte im eigenen Land, geplante Verschärfungen des Einwanderungsrechts und die Schaffung von Sammelunterkünften.
Im Mittelpunkt stehen jedoch weiterhin britische Finanzhilfen an Frankreich. Diese wurden in der Vergangenheit kontinuierlich erhöht und überschritten 2023 sprunghaft die Grenze zu einer dreistelligen Millionensumme pro Jahr. Der größte Teil dieser Summe dürfte in Personal- und Materialkosten der französischen Küstenüberwachung fließen und damit indirekt zu der von Utopia 56 umrissenen Gewalt beitragen. Doch ergibt sich aus Medienberichten, dass 2025 auch eine Zaunanlage in Calais und der Bau eines Abschiebegefängnisses bei Loon-Plage auf diese Weise (mit)finanziert wurden.
| Jahr | Höhe der Förderung |
| 2018/19 | 50 Mill. € |
| 2019/20 (Tranche 1) | 3,6 Mill. € |
| 2019/20 (Tranche 2) | 2,5 Mill. € |
| 2020/21 | 31,4 Mill. € |
| 2021/22 | 62,7 Mill. € |
| 2022/23 | 72,2 Mill. € |
| 2023/24 | 141 Mill. € |
| 2024/25 | 191 Mill. € |
| 2025/26 | 209 Mill. € |
Quelle: House of Commons: Unauthorised migration – Timeline and overview of UK-
French cooperation, Research briefing by Melanie Gowner, 6. Juli 2025, hier)
Die Finanzierung ist nicht transparent. Im Juli 2025 hieß es in einem Research briefing für das britische Unterhaus: „Es gibt nur wenige offizielle Informationen darüber, wie die […] Mittel ausgegeben und überwacht werden. Frankreich und das Vereinigte Königreich bewerten gemeinsam die Auswirkungen der Zusammenarbeit und der Finanzierung durch regelmäßige strategische Überprüfungen. Die Regierung veröffentlicht keine Details zu den Ergebnissen dieser Überprüfungen. Sie begründet dies damit, dass dies die Grenzkontrollen und die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich untergraben könnte.“ Momentan sind die Mittel in einem Dreijahresvertrag von März 2023 geregelt, der von 2023/24 bis 2025/26 die Bereitstellung von 541 Millionen Euro vorsieht. Allerdings kam zu einem bis heute andauernden Konflikt beider Regierungen um die Weiterfinanzierung bis 2029, da Frankreich aus britischer Sicht nicht entschieden genug gegen die Bootspassagen vorging. Ein Auslaufen der britischen Finanzierung würde die französische Migrationsbekämpfung an der Kanalküste faktisch beenden. Vor diesem Hintergrund wurde der Streit im Februar durch eine Übergangslösung entschärft. „Im Februar 2025 vereinbarten die beiden Länder, die Zusammenarbeit bis 2027 zu verlängern und über 8 Millionen Euro der bestehenden Mittel zur Unterstützung einiger ‚neuer, strengerer Durchsetzungspläne‘ umzuwidmen“, so dasselbe Papier. Eine wirkliche Lösung des Streits steht nach wir vor aus.
In diesem Zusammenhang kristallisierten sich 2025 vor allem zwei Vorhaben heraus, mit denen Frankreich den britischen Erwartungen entgegenkam: Die Etablierung eines Mechanismus zur Abschiebung von Bootspassagier:innen und die Erweiterung der Polizeibefugnisse zum Stoppen der Boote vom Land (Strände) auf küstennahe Gewässer. Die Abschiebungen sind seit August 2025 in einem bilateralen Abkommen geregelt, in dem sich Frankreich im Rahmen eines Pilotprojekts zur Rücknahme von Bootspassagier:innen verpflichtet, sofern Großbritannien eine gleich hohe Zahl von Migrant:innen aus Frankreich einreisen lässt – vorausgesetzt, diese haben keine Bootspassage versucht. Das Verfahren ist auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Personen ausgelegt (siehe hier und hier) und betrifft die überwiegende Zahl der Bootspassagier:innen faktisch nicht. Bis zum Jahresende wurden 193 Personen nach Frankreich abgeschoben und 195 Menschen aus Frankreich aufgenommen. Demnach waren lediglich 1,2% der Bootspassagier:innen, die in diesem Zeitraum britisches Hoheitsgebiet erreichten, von dem sogenannten one-in one-out scheme betroffen. Es dürfte also keinen entscheiden Einfluss auf die Entwicklung der Passagen ausgeübt haben. Das zweite Vorhaben, nämlich das Stoppen von Booten auf See in einer küstennahen Zone, wurde zwar vereinzelt praktiziert (siehe hier) und motivierte französische Behörden zu teils besorgniserregenden Szenarien (siehe hier und hier), wurde bislang jedoch nicht umgesetzt.
Die Situation auf der Kanalroute lässt sich also weiterhin als ein fatales Patt zwischen Ordnungskräften und Schleusernetzwerken beschreiben, das für die betroffenen Menschen massive Risiken und vermeidbares Leid bedeutet. Und genau dieses Patt erweist sich als robust. In diesem Sinne schreibt die Regionalzeitung La voix du Nord in einem Rückblick auf die Bootspassagen des Jahres 2025: „Was könnte das Phänomen der ‚small boats‘ eindämmen […]? Ein Migrationsabkommen zwischen Frankreich und dem Vereinigten Königreich: nein. Eine Bunkerisierung der Küste: nein. Eine Änderung der Doktrin zur Abfangung von ‚Taxibooten‘ auf See durch die Marine: ebenfalls nein. Auch in diesem Jahr hat nichts die Kandidaten für die Überfahrt abgeschreckt.“ Denn, so das Blatt weiter: „Jenseits dieser Diskussionen gibt es noch etwas anderes, etwas viel Mächtigeres, das das Exil nährt. In unseren Gesellschaften mag es selbstverständlich erscheinen, wegzugehen, auszuwandern, sein Leben zu ändern, sodass wir vergessen, dass es für viele Menschen auf der Welt ein Leidensweg ist, eine Notwendigkeit, um dem Tod oder dem Hunger zu entkommen. Diese Migranten, die sich auf der Küste aufhalten, oft mit Kindern auf dem Arm, steigen nicht zum Vergnügen in die ‚small boats‘.“ Auf dem Fundament dieser Situation begannen britische Konservative und Rechtsextreme 2025 einen widerwärtigen Sturmlauf gegen die Migration, der sich in Wirklichkeit gegen die demokratische Ordnung richtet. MAGA-orientierte Aktivisten reisten nach Nordfrankreich, provozierten Geflüchtete und NGOs und betrieben aggressiv Desinformation (siehe hier).
Vor einem Jahr schrieben wir an dieser Stelle, dass ein Ausweg aus dem Patt nicht ohne ein migrationspolitisches Umsteuern hin zu legalen und sicheren Routen möglich sein werde, genau dies aber angesichts der Bedrohung der westlichen Demokratien durch die extreme Rechte und die Zuspitzung dieses Konflikts entlang der Migrationsthematik unwahrscheinlicher denn je sei. Umso wichtiger werde daher das Engagement der Zivilgesellschaft werden. Diese Entwicklung ist nun sehr viel weiter fortgeschritten.