Die von britischen Rechtsextremen angekündigte „Operation Overlord“ an der französischen Kanalküste ist weitgehend im Sande verlaufen. Statt massenhaft inmitten der humanitären Krise zu „landen“, sahen sich die Aktivist:innen mit einem Verbot, Polizeipräsenz und Festnahmen, aber auch internen Zerwürfnissen, konfrontiert. In der digitalen Welt jedoch erweist sich die Kampagne als Brandbeschleuniger: Fake-Kanäle erwecken den Eindruck, im Ärmelkanal würden vollbesetzte Schlauchboote versenkt und die Bevölkerung übe den Aufstand.
Wie an dieser Stelle schon berichtet (siehe hier und hier), waren britische Rechtsextremisten von Anfang November bis Mitte Dezember 2025 wöchentlich in die Region Dunkerque und Calais gereist, um Kleingruppenaktionen gegen Geflüchtete und zivilgesellschaftliche Helfer:innen durchzuführen. Dabei produzierten sie Material für eine bizarre Kampagne und riefen dazu auf, im Jahr 2026 zu Tausenden nach Nordfrankreich zu reisen, was die Migration auf der Kanalroute final beenden würde. Der Name ihrer Mobilisierung – „Operation Overlord“, also der historische Tarnname der alliierten Invasion in der Normandie 1944 – erweckte den Eindruck eines bevorstehenden Großereignisses von historischer Tragweite. Am 24. Januar 2026 sollte die „Operation Overlord“ in eine neue Phase übergehen. Ihr Veranstalter Daniel Thomas alias Danny Tommo sprach von 15.000 und zuletzt sogar 20.000 britischen „Patrioten“, die sich als Freiwillige für die „Operation Overlord“ gemeldet hätten und aus denen eine erste Charge für den 24. Januar ausgewählt worden sei.
Zu diesem Zeitpunkt war es zwischen den Organisatoren bereits zu einem Bruch gekommen. Denn Anfang November hatte nicht Tommo, sondern Ryan Bridge von der rechtsextremen Kamapagnengruppe Raise the Colours die wöchentlichen Provokationen in Nordfrankreich angeführt. Beide blickten auf eine rechtsextreme Biografie mit kriminellen Anteilen zurück und zählten zum Umfeld von Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson, der am 12. September 2025 mehr als hunderttausend Menschen zu einer Kundgebung nach dem Vorbild der MAGA-Bewegung auf die Straße gebracht hatte.
Als die französische Regierung am 14. Januar 2026 ein Einreiseverbot gegen zehn britische Rechtsextreme bekanntgab und deren Ausweisung androhte, verstärkte dies einen entstandenen Konflikt zwischen Bridge und Tommo. Neben szenetypischen Intrigen ging es, wie französische Antifaschist:innen zusammenfassen, um divergierende taktische Vorstellungen: „Auf der einen Seite befürwortet Raise the Colours den methodischen Aufbau einer langfristigen Bewegung und beginnt mit der Sichtung mehrerer Tausend Bewerbungen für die Rekrutierungskampagne der Operation Overlord. Der Beginn der Manöver wird auf Sommer 2026 geschätzt. Auf der anderen Seite beruft sich Tommo auf die Notwendigkeit einer sofortigen Reaktion auf die Ausweisungsmaßnahmen und beruft die Crème de la Crème der britischen Faschisten für den 24. Januar nach Dover, um am selben und am nächsten Tag entlang der französischen Küste Präsenz- und Agitationsaktionen durchzuführen“, fassen französische Antifaschist:innen zusammen.
Während Tommo infolge des Zwists als Anführer der „Operation Overlord“ hervortrat, zog sich Raise the Colours aus der Mobilisierung zurück und distanzierte sich vorsorglich von allen Aktionen, die am 24. Januar in Nordfrankreich stattfinden würden:

Am 23. Januar, einen Tag vor der angekündigten „Landung“ an der französischen Kanalküste, folgte eine gemeinsame Verbotsverfügung der Präfekten der Departements Pas-de-Calais und Nord. Sie betraf Versammlungen unter dem Titel „Overlord“ und die Präsenz von Mitgliedern von Raise the Colours in den Arrondissements Dunkerque, Calais, Boulogne-sur-Mer, Montreuil-sur-Mer und Lille und galt zunächst bis zum 26. Januar. Danach verlängerten die Präfekten das Verbot zunächst bis zum 28. Januar und noch einmal bis zum 2. Februar.
Tommo sollte das Verbot später als Erklärung für das Scheitern der „Overlord“-Mobilisierung anführen. Noch am Vorabend hatte er den Eindruck erweckt, einen strategischen Großplan zu verfolgen: „Some details must be held back until the very last moment, not out of secrecy for secrecy’s sake, but because of how important this is and what we’re trying to achieve“, postete er auf X und lenkte die Aufmerksamkeit von der französischen Kanalküste auf Dover um. Dort, so behauptete er, habe ein Whistleblower im Zugang zu Räumlichkeiten verschafft, in denen Versorgungsgüter für ankommende Geflüchtete gelagert würden. Dies ist banal, diente ihm jedoch als Baustein einer von Mal zu Mal extremeren Verschwörungserzählung. Auf die Behauptung, die französische Regierung schleuse mithilfe von Polizei und Zivilgesellschaft die Geflüchteten nach Großbritannien, folgte im Januar die Behauptung, das britische Grenzregime diene mit seinen Finanzen, Drohnen und Versorgungsgütern ebenfalls zur Schleusung. Entsprechend raunte Tommo im selben Tweet: „When the time is right, people will know what they need to know. Until then, understand this: nothing about this is random, and nothing about it is accidental.“
An den folgenden Tagen erwies sich die „Operation Overlord“ als Farce. Tommo hatte seine Anhängr:innen aufgerufen, sich an mehreren französischen Stränden, an Camps in Calais und Loon-Plage sowie in Dover einzufinden. Heraus kamen einige Gruppenfotos, die Tommo mit demselben Dutzend Männer an der belgisch-französischen Grenze bei Bray-Dunes sowie an einem Strand zeigen. Auf allen Fotos halten sie britische Flaggen in die Kamera. Französische Antifaschist:innen weisen daraufhin, dass es nicht mit absoluter Sicherkeit klar sei, dass Tommo am 24. Januar tatsächlich in Frankreich war, denn die Fotos könnten auch vorab aufgenommen worden sein.

Einer Auswertung rechtsextremer Postings durch die Antifaschist:innen schärft das Bild dessen, was am 24. Januar geschah – und was eben auch nicht: Demnach reisten einzelne Rechtsextreme mit dem Shuttlezug und mit der Calais-Fähre an; mindestens ein Rechtsextremist postete ein Foto aus Dunkerque; Autos mit Rechtsextremen seien im Tagesverlauf zwischen Calais und Dunkerque gesichtet worden. In Dover versammelten sich etwa 50 Personen. Die Kundgebung, von der Tommo behauptet habe, „sie würde ‚alles zum Stillstand bringen‘, entpuppte sich als kleine Versammlung in einem Pub, gefolgt von einem Marsch entlang einer Straße“, spottete die rechte Daily Mail.
Einen Tag später, am Abend 25. Januar, wurden zwei britische Rechtsextreme, darunter der YouTuber Reece Grant, in der Nähe von Calais festgenommen. „Reece Grant und sein Komplize beenden gerade einen 1,5-stündigen YouTube-Livestream, in dem sie sich selbst dabei filmen, wie sie – erfolglos – Menschen auf der Küste jagen, zunächst in Blériot, dann in Calais“, berichten Antifaschist:innen. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft beschuldigen die beiden Männer, „live auf einem YouTube-Kanal Inhalte“ gestreamt zu haben, „die zu Hass aufstacheln könnten“. Die beiden erwartet nun die Abschiebung nach Großbritannien, während sich Tommo dem Vorwurf ausgesetzt sieht, er habe seine beiden Gesinnungsgenossen im Stich gelassen.

Diese Vorgänge zeigen: Mit einer größeren Mobilisierung britischer Rechtsextremer an die französische Kanalküste ist momentan kaum zu rechnen, und es bleibt abzuwarten, ob das Label „Operation Overlord“ überhaupt weiter vermarktet wird.
Allerdings war die „Operation Overlord“ nur eine Etappe bei der Erschließung der humanitären Dauerkrise in Nordfrankreich durch britische Medienaktivist:innen. Diese Entwicklung ist nicht völlig neu, hat sich aber in den letzten Monaten beschleunigt und ausgeweitet, wobei Akteure wie UKIP, Raise the Colours und Tommo, aber auch der Schatten-Innenminister der Tories Chis Philp, einander im realen Raum ablösten und im digitalen Raum bestärkten. Erst zwischen dem 9. und 11. Januar 2026 trat eine weitere Gruppe um den YouTube-Kanal BB-Media hinzu. Ihre Aufnahmen aus dem Jungle von Loon-Plage lassen darauf schließen, dass sich die Medienaktivisten das Vertrauen von Geflüchteten erschlichen und so etwa im Inneren von Zelten und in einer Notunterkunft filmen konnten.
Jenseits der Realität entsteht zudem eine alternative, hermetische Wirklichkeit. Verschwörungserzählungen wie die von der angeblichen Schleusung der Geflüchteten durch die Regierungen oder der Invasion der britischen Inseln durch eine islamistische geheime Streitmacht treffen auf Fake-Nachrichten, die sich teils aus dem Material der Medienaktivist:innen speisen und teils KI-generiert sind.
Beispiele für Fake-Nachrichten:


Die abgebildeten Beispiele von Januar 2026 erwecken den Eindruck, „patriotische“ Aktivist:innen hätten im Ärmelkanal tatsächlich Schlauchboote sabotiert und versenkt, die sich bereits vollbesetzt im Wasser befanden. Tatsächlich ist kein einziger Fall bekannt, in dem dies geschehen wäre. Weiter wird behautet, Bildmaterial der angeblichen Sabotagen sei viral gegangen. Das untere Beispiel, ein offensichtlich KI-generierter News-Blog mit einer fiktiver Betreiberadresse im texanischen Arlington, beschreibt im Reportagestil sogar die Zerstörung von Schlauchbooten nach der Ankunft an der englischen Südküste und suggeriert einen Aufstand der französischen Küstenbewohner:innen gegen die Migrant:innen.
Wir sehen also eine von der Realität entkoppelte Radikalisierung, die potenzielle Täter:innen leicht zu rassistischem und gewaltvollem Handeln motivieren kann und die überdies einer zutiefst antisemitischen Struktur folgt: nämlich der Vorstellung einer dunklen Macht hinter den liberal-demokratischen Staaten. Kampagnen wie die „Operation Overlord“ müssen nicht im Wortsinne wirklich werden, um in der Realität Gewalt auszuüben.