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Benelux Channel crossings

Unterdessen in Belgien

Während sich die Kanal-Überquerung von Nordfrankreich aus immer mehr auf Boote verlagert hat, bleiben in Belgien LKW in der Regel das Transportmittel. An der Küste gab es in den letzten Wochen allerdings einige Vorfälle mit Booten, und zu Beginn des Sommers rüstet die Polizei in der Provinz Westflandern auf. Zugleich wird das Hinterland logistisch immer wichtiger. Ein Überblick.

Zentrum des Geschehens ist nach wie vor die Hauptstadt Brüssel, wo sich regelmäßig etwa 700 Personen in der Gegend um Gare du Nord und den Maximilian-Park aufhalten. Wie Mehdi Kassou, der Sprecher der Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés, mitteilt, sind knapp 200 von ihnen immer noch in zwei Hotels untergebracht. 240 Personen übernachten im eigentlichen Auffang der Bürgerplattform, dessen Kapazität vor den Covid-Maßnahmen noch bei 350 lag. Ein spezielles Frauen-Haus bietet 42 Migrantinnen Unterkunft, weitere 68 Personen verteilen sich auf fünf verschiedene private und städtische Orte. 130 bis 200 Menschen, so Kassou, hätten keinen festen Aufenthaltsplatz.

Von Brüssel aus setzen sich abendlich Menschen in Bewegung, die auf diversen Rastplätzen vor allem in der Provinz Ost-Flandern (zwischen Hauptstadt und Küste gelegen) an Bord eines LKW gelangen wollen. Ende Juni wurden 41 Personen in der Region Wetteren / Lochristi festgenommen. Konkret ging es um Kontrollen am Bahnhof Kwatrecht und in Zügen nach Beervelde. Aus Brüssel kommend, steigen MigrantInnen dort aus um zu den Parkpklätzen der Autobahn E 17 (nahe Beervelde) und E 40 (nahe Kwatrecht) zu gehen. Erstere führt nach Nordfrankreich, letztere ist die Verbindung mit der belgischen Küste. Etwas weiter westlich, bei Gent, kreuzen beide Autobahnen einander.

Wie die Zeitung Het Nieuwsblad berichtet, habe vor allem auf den Rastplätzen Wetteren (E 40) und Kalken (E 17) nach dem Ende des Lockdown die Aktivität zugenommen. Ebenfalls an der E 17 liegt der Rastplatz Kruibeke, der wiederum von Antwerpen gut erreichbar ist und seit 2017 eine wichtige Rolle spielt. Im Mai fand dort eine Polizei- Razzia statt, bei der 18 MigrantInnen und zwei mutmaßliche Schleuser festgenommen wurden, beide aus Eritrea stammend. Die vermeintlich von ihnen transportierten MigrantInnen sollen eritreischer und äthiopischer Herkunft sein. Kruibeke ist von Antwerpen aus relativ leicht erreichbar.

Bereits im Februar wurde beschlossen, die Bewachung mehrerer Parkplätze noch bis Ende Oktober aufrecht zu erhalten. Unter Koordinierung der Föderalen Polizei sind dort mehrere Zweierteams mit Hund im Einsatz, die bei einem privaten Sicherheitsunternehmen angestellt sind. Die Parkplätze von Groot-Bijgaarden in der Brüsseler Peripherie und Westkerke im südlichen Küstenhinterland sind permanent bewacht – auch das ist ein Grund dafür, dass andere Orte ins Bild kommen. Die flämisch-nationalistische Partei Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA), seit Jahren die stärkste in Belgien, schlug im Juni vor, das Einsteigen in einen LKW strafbar zu stellen, genau wie das auch bereits für den Hafen von Zeebrugge gilt.  

In Zeebrugge selbst, so eine Quelle vor Ort, machten im Juni etwa zehn bis 15 Personen von der lokalen Essensausgabe Gebrauch. Die Zusammensetzung dieser Gruppe wechselt, ab und an verschwinden einzelne Mitglieder, etwa weil es ihnen gelungen ist, England zu erreichen, und neue kommen hinzu. Im Mai sollen es innerhalb von zwei Wochen etwa 15 Menschen hinübergeschafft haben. Lokale Unterstützer raten Interessierten stark ab, weil die Strömungen in diesem Teil des Kanals sehr stark sind und auch die kürzeste Verbindung noch immer vier Mal so weit ist wie von Calais aus.

Grundsätzlich bestätigt sich in Belgien auch nach dem Lockdown die Tendenz, dass sich das Geschehen mehr und mehr ins Landesinnere bewegt. Eine lokale Stimme aus Zeebrugge formuliert es so: “Die Schmuggler haben ihr Terrain ins Binnenland verlegt.”  Davon zeugt auch ein aktueller Prozess in Brüssel, der schon im März beginnen sollte und durch die Corona-Krise auf Mai verschoben wurde. Angeklagt sind zehn Personen aus Sudan und Eritrea, die, so die Zeitung Het Laatste Nieuws, “Dutzende MigrantInnen aus dem Maximilianpark” in der Nähe des Nordbahnhofs Zugang zu LKWs Richtung Großbritannien verschafft haben sollen. Ihnen drohen Haftstrafen bis zu sieben Jahren.

In der Anklage heißt es, die Verdächtigen hätten vom Sommer 2018 bis zu ihrer Festnahme im Frühjahr 2019 fast täglich im Park Passagiere angeworben. Diese seien per Zug nach Arlon im Süden Belgiens oder nach Luxemburg geschickt und von dort aus zu verschiedenen Autobahnparkplätzen gebracht worden, unter anderem in Sterpenich an der belgisch-luxemburgischen Grenze und Dudelange an der luxemburgisch-französischen. Laut Staatsanwaltschaft sei die Chance, England zu erreichen, abhängig vom Preis gewesen.  

Der Fall bietet auch einen Anlass, kurz auf Bezeichnungen wie “Schlepper”, “Schleuser” oder “Schmuggler” und die damit einhergehenden Bewertungen einzugehen. Einer grundsätzlichen Verurteilung dessen, was sie tun, ist mit einiger Vorsicht entgegenzutreten – schon allein, weil ein Teil ihrer Aktivitäten darin liegt, Menschen, deren Grundrecht auf Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt ist, auf klandestinem Weg an ihr anvisiertes Ziel zu helfen. Freilich ist die Idee, sie täten dies aus Nächstenliebe oder Idealismus, ziemlich grotesk. Dass dahinter wirtschaftliche Interessen stehen, ist unbestritten. Wer alleine das schon verteufelt, begibt sich allerdings auf dünnes Eis, denn was hier zum Tragen kommt, sind sehr simple marktwirtschaftliche Prinzipien.

Entscheidendes Element zur Einschätzung der Branche ist die Frage, ob es sich dabei eher um eine Dienstleistung oder um Ausbeutung handelt. Und auch das ist nicht immer klar aufzudröseln. So zitiert der besagte Artikel die Anklageschrift, der zu Folge der Kopf der vermeintlichen Bande von “Opfern” als gewalttätig beschrieben wurde. Dass Einschüchterung, Gewalt und Missbrauch von Abhängigkeit vielfach zum Geschäftsmodell gehören, hört man nicht nur am Ärmelkanal häufiger. Daneben gibt es freilich auch eine Grauzone: Von den zehn Angeklagten etwa sollen – neben dem vermeintlichen Chef, seinem Vertreter und einem finanziell Verantworlichen – sieben vor allem MigrantInnen zu den Parkplätzen begleitet haben. Dass es sich dabei um Menschen handelt, die in der gleichen Position in Belgien gelandet sind, ist stark anzunehmen.  

Zurück zur Küste: Dort bereitet sich die Polizei der Zone Westkust offensichtlich auch auf Bootspassagen vor. Anfang Juni nämlich stellte sie eine Superzoom-Infrarotkamera vor, mit der man künftig gegen Transitmigration vorgehen will. Das Gerät kann Wärmequellen bis auf fünf Kilometer Abstand wahrnehmen und werde von der britischen Küstenwache geliehen, so die Website des öffentlich-rechtlichen TV-Senders VRT. Kostenpunkt: 30.000 Euro für eine Dauer von vier Monaten, also bis in den Herbst. Eingesetzt werden soll sie vor allem nachts bei schlechter Sicht. Das System ist in De Panne installiert, dem südwestlichsten Ort der belgischen Küste, der an das französische Bray- Dunes grenzt. Die Bilder werden live verfolgt und aufgezeichnet.

Bootsüberfahrten von Belgien aus, bzw. entsprechende Versuche, sind bislang sehr selten. Was nicht nur an der größeren Distanz liegt, sondern auch daran, dass die belgische Küste mit ihrer fast durchgängigen Beton-Corniche im Unterschied zu der in Nordfrankreich keine verlassenen Strandabschnitte kennt und damit keine Möglichkeit bietet, garantiert ungesehen ein Boot zu Wasser zu lassen. Der verbliebene Dünenstreifen ist schmal, und vielfach verläuft gleich dahinter eine stark befahrene Straße.

Dennoch gab es zumindest im Januar einen gescheiterten Versuch, von De Panne aus per Boot in Richtung England zu fahren. Nach einem Bericht des Senders VRT sollen von Januar bis Mai 2020 noch fünf weitere Versuche verhindert worden sein – vermutlich in einem frühen Stadium, als das Boot womöglich noch nicht auf dem Meer war, denn der gescheiterte Versuch von De Panne wird als “spektakulärster” bezeichnet. Ein anderer Vorfall datiert aus einer Nacht Ende April: In Oostende wurden sechs Personen mit Schlauchbooten und Außenbordern festgenommen.

Der VRT-Bericht zitiert zudem den Gouverneur der Provinz Westflandern, Carl Decaluwé, dem zufolge “immer mehr Migranten mit aufblasbaren Booten von unserer Küste aus probieren, nach England zu gelangen”. Decaluwés Kabinett sagte in den letzten Wochen mehrmals eine Stellungnahme zu, eine konkrete Antwort auf Anfragen per Mail und telefonisch steht aber bis heute aus.

Weniger vage ist eine andere Ankündigung des Gouverneurs. “Nach dem Brexit wird unsere Küste eine europäische Außengrenze. Mit Hilfe Europas müssten wir an Mittel kommen können um diese Kameras zu kaufen. Denn eine europäische Außengrenze muss bewacht werden.”

In letzter Zeit dürfte das Kamerasystem bereits verstärkt zum Einsatz gekommen sein. Innerhalb von nur drei Tagen nämlich wurden zweimal Schiffbrüchige vor der belgischen Küste gerettet. Am Morgen des 27. Juni ging es um 15 Personen auf einem Schlauchboot, das zwölf Kilometer vor De Panne zu sinken drohte. In das schwer überladene Boot – auf 2,8 Metern Länge und 0,9 Metern Breite, konzipiert für höchstens sieben Personen – war bereits Wasser gelaufen. Abgelegt hatte es gegen vier Uhr morgens bei Dunkerque. Der Notruf war bei der französischen Küstenwache in Cap Gris-Nez, also südlich von Calais – eingegangen. Gerettet wurden die Passagiere, die aus Irak, Kuwait, Ägypten und Afghanistan kamen, von belgischen und französischen Teams.

Die geographischen Koordinaten sagt einiges über die Strömungen an dieser Stelle des Kanals aus, denen ein kleines Schlauchboot ausgesetzt ist. Zumindest am betreffenden Tag erschwerten sie das Unterfangen England extrem, denn offenbar wirken sie genau entgegengesetzt zur gewünschten Richtung.

Wie dramatisch ein solcher Plan schiefgehen kann, zeigte sich am 29. Juni: Ein niederländisches Marineschiff bemerkte nachmittags ein weiteres Schlauchboot mit drei Personen an Bord. Es trieb etwa neun Kilometer vor der Küste von De Haan auf dem Meer. Auf dem Land liegt De Haan etwa 50 Kilometer nordöstlich von De Panne. Die drei Geretteten, die Unterkühlungserscheinungen zeigten, gaben an, sie seien schon mehrere Tage auf dem Meer getrieben.