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Channel crossings

Geflüchteter Sudanese ertrinkt im Kanal

Ein Nichtschwimmer geht mit einem Freund auf einem Kinder-Schlauchboot in See, mit Schaufeln als Paddel. Ihre Chance: Null. Einer wird gerettet, der andere, ein junger Sudanese, tot am Strand bei Calais angeschwemmt. Der Fall wird die Lage am Ärmelkanal weiter zuspitzen.

An einem Strand in Sangatte, südwestlich von Calais, wurde am heutigen Mittwoch Morgen die Leiche eines jungen Migranten gefunden. Die Staatsanwaltschaft von Boulogne-sur-Mer berichtete der Regionalzeitung La Voix du Nord, es gehe um einen 16jährigen Sudanesen, der einen Ausweis bei sich gehabt hätte. Früh am Morgen wurde die Leiche des Jugendlichen gefunden.

Die französischen Behörden waren zu dieser Zeit schon über einen Notfall informiert, der sich in der Nacht vor der Küste ereignet hatte. Gegen zwei Uhr wurde ebenfalls in Sangatte ein weiterer Migrant in unterkühltem Zustand gefunden, der in ein Krankenhaus in Calais gebracht wurde. Er berichtete, er habe sich mit einem Freund in einem Schlauchboot in Richtung England aufgemacht. Das Boot sei gekentert, danach habe er den Freund, der nicht schwimmen konnte, aus den Augen verloren. Eine Suche im Kanal mit Rettungsbooten, unterstützt von einem belgischen Helikopter, wurde nach einigen Stunden abgebrochen.

Die bislang bekannten Umstände machen den Umfang dessen, was sich derzeit am Ärmelkanal  abspielt, deutlich: der Guardian zitiert dazu den stellvertretenden Staatsanwalt von Boulogne-sur-Mer, Philippe Sabatier. Demnach brachen die beiden Teenager in ein Anwesen ein und stahlen dabei das Schlauchboot, das offenbar mit dem Mund aufgeblasen werden musste, sowie zwei Schaufeln zum Paddeln.

Entsprechende Berichte, wonach Migranten mit Schaufeln die Überfahrt wagen, gab es in diesem Sommer mehrere. Sie belegen, dass die See-Passage inzwischen auch für jene, die sich die Preise der Schmuggler nicht leisten können, zur gängigen Möglichkeit geworden ist, in Richtung England aufzubrechen. Dabei werden auch Kajaks oder zwei aneinander fixierte Windsurf-Bretter benutzt. Innerhalb der verschiedenen Communities in Calais sind die Sudanes_innen seit jeher diejenigen mit den wenigsten finanziellen Mitteln, die schon zu Zeiten des 2016 geräumten ‚Jungle‘ zunächst die elendigsten Behausungen in einem Streifen bewohnten, bevor gezimmerten Hütten errichtet wurden.

Laut Charles Devos, Leiter der Rettungsstelle in Calais, ist es “unmöglich” auf diese Art den Kanal zu überqueren. “Bei den Fähren, die mit 22 Knoten (etwas mehr als 40 km/h) fahren, hätten schon die Wellen, die auftreten wenn sie passiert sind, das Boot auf den Kopf geworfen.”

Der junge Sudanese ist das erste Todesopfer der klandestinen Kanal-Überquerungen in diesem Jahr. Im August 2019 fiel eine iranische Frau von Bord eines kleinen Boots, auf dem sich 19 weitere Passagiere, darunter auch Kinder, befanden. Ihre Leiche wurde anderthalb Wochen später bei einem Windpark 30 Meilen vor der niederländischen Küste gefunden. Später wurde bekannt, dass es sich um die 31jährige angehende Psychologin Mitra Mehrad handelte.

Im gleichen Monat wurde in einem Offshore-Windpark vor Zeebrugge die Leiche von Niknam Masoud entdeckt. Der 47jährige Iraker hatte versucht, mit einer Schwimmhilfe aus leeren Plastikflaschen, die von einem Netz zusammengehalten wurden, nach Großbritannien zu gelangen.

Am 14. Oktober 2019 fand am Strand von La Touquet man die Leichen von Hussein Mofaq Hussein und Soran Jamal Jalal. Die beiden 17 bzw. 22 Jahre alten irakischen Kurden hatten offenbar mit einem nicht motorisierten Boot die Überfart versucht. Diese vier Fälle sind die einzigen bislang sicher dokumentierten Todesopfer im Kontext der Bootspassagen. Drei von ihnen fanden in Situationen statt, in denen offensichtlich auf improvisierte und hochriskante Techniken zurückgegriffen worden war.

Dies ist übrigens nicht neu: 2014 und 2015 wurden auf der niederländischen Insel Texel und an der norwegischen Küste die Leichen von zwei jungen Syrern angespült: Shadi Kataf, 28, und Mouaz al-Balkhi, 22. Beide trugen leichte Neopren-Anzüge, die in einem Sportgeschäft in Calais gekauft worden waren. Der norwegische Journalist Anders Fjellberg hat ihre Geschichte rekonstruiert.

Die beiden jungen Sudanesen waren keineswegs die einzigen Geflüchteten, die in der Nacht zum Mittwoch den Kanal zu überqueren versuchten. Britischen Medien zu Folge erreichten mehr als 50 Personen am Morgen Dover. Auch unter ihnen befanden sich offenbar Kinder. In französischen Gewässern wurden weitere 41 Personen gerettet. Eine von ihnen war von Bord gefallen und wurde aus dem Meer gezogen, kurz bevor am Strand die Leiche des 16jährigen gefunden wurde.

Insgesamt haben in diesem Jahr bereits mehr als 4.800 Personen in etwa 360 Booten Großbritannien erreicht – darunter über 400 Minderjährige (siehe auf diesem Blog hier). In der südöstlichen Grafschaft Kent, zu der Dover und die umliegende Küste gehören, sind die Aufnahmekapazitäten erschöpft. Nachdem am letzten Wochenende 13 neu angekommene minderjährige Geflüchtete angekommen waren, will man nun keine weiteren mehr aufnehmen.

Das Londoner Home Office wollte am Mittwoch nicht offiziell bestätigen, dass die beiden Sudanesen unterwegs nach Großbritannien waren. Innenministerin Priti Patel nannte den Tod des Jugendlichen laut BBC eine “brutale Erinnerung” daran, dass Schmuggler verletzbare Menschen ausbeuten. Von der Wirkung des Grenzregimes, dass diese Zustände hervorbringt, sprach Patel nicht. Zudem ist jene Ausbeutung, vielfach auch unter Androhung von Waffengewalt, zwar unbestritten und hinlänglich belegt. Die bisher bekannten Details deuten jedoch eher darauf hin, dass in diesem Fall just keine Schmuggler involviert waren.

Leichte Kritik kam unterdessen vom Labour-Schatten-Innenminister Nick Thomas-Symonds. Er warf der konservativen Regierung vor, ihrer Antwort auf den Anstieg der Kanal-Überquerungen fehle es an “Mitgefühl und Kompetenz”. Das Home Office solle zügig mit internationalen Partnern nach einer humanitären Lösung der Krise suchen, die Menschenleben koste.

Genau danach allerdings sieht es derzeit nicht aus: Zwischen England und Frankreich nahmen die Spannungen um die klandetinen Überfahrten in den letzten Wochen stark zu. Innenministerin Patel will diese nun schlichtweg unmöglich machen und bittet die Marine um Hilfe. Der republikanische Calaiser Abgeordnete Pierre-Henri Dumont kommentierte, egal was man von britischer Seite im Kanal implementiere, werde die Leute nicht daran hindern ihn zu überqueren.

Der britische Immigrationsminister Chris Philp kündigt nun weitere Verhandlungen mit den Nachbarn auf der anderen Kanalseite an. “Wir werden unsere Bemühung verdoppeln zu einer Übereinkunft zu kommen und mit Frankreich einen neuen Plan implementieren mit dem Ziel diese Boots- Passagen, die von rücksichtslosen Kriminellen ermöglicht werden und Leben gefährden, vollkommen zu soppen.”

Ganz andere Konsequenzen fordern lokale Unterstützer und NGOs. Die Calaiser Gruppe  Auberge des Migrants wiederholt einmal mehr die Forderung nach einer sicheren und legalen Möglichkeit in England um Asyl zu ersuchen – genau wie auf der andern Seite des Kanals Bridget Chapman vom Kent Refugee Action Network (KRAN).

Auf der Facebook-Seite der britischen Boulevard-Zeitung Daily Mail taten sich unterdessen Abgründe auf. Nicht nur mehrer als 500 lachende Emojis quittierten dort den Bericht vom Tod des jungen Sudanesen, sondern auch hämische, gehässige und zynische Kommentare: von “er kannte die Risiken” über “Terrorist” bis zu “wir haben genug Leute, die von Sozialhilfe und auf der Straße leben” oder “er wäre besser in einem der acht sicheren Länder geblieben, die er passierte”. Worauf ein weiterer User bekennt, er schäme sich Brite zu sein.