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Grande-Synthe

Räumung von fast 800 Exilierten

Räumung in Grande-Synthe, 23. September 2021. (Foto: Utopia 56)

[Updated, 26.9.2021] In Grande-Synthe bei Dunkerque wurde am gestrigen 23. September 2021 ein Camp geräumt, in dem fast 800 Personen lebten. Während die Zelte und Hütten vollständig zerstört wurden, stellten die Behörden nur für einen kleinen Teil der Betroffenen Unterkünfte an anderen Orten bereit, sodass die überwiegende Zahl der Geräumten nun ohne den prekären Schutz der Behelfssiedlung dasteht.

Das geräumte Camp befand sich im Gebiet Ferme des Jésuites, wohin die Exilierten seit einiger Zeit zunehmend verdrängt werden. Innerhalb dieses Gebiets zielten die Räumungsaktionen der vergangenen Monate darauf ab, die informellen Camps auf eine bestimmte Lichtung zu drängen, so die Organisation Utopia 56 in einer Erklärung zur aktuellen Räumung, die genau diese Lichtung betraf.

Die Räumung begann, so berichtet Utopia 56, gegen 7:45 Uhr und dauerte etwa dreieinhalb Stunden an. Sie wurde vom Unterpräfekten von Dunkerque und einem Gerichtsvollzieher vollzogen, allerdings sei nicht in Erfahrung zu bringen gewesen, auf welcher Rechtsgrundlage sie stattfand. Durchgeführt wurde die Operation durch ein starkes Polizeiaufgebot aus CRS, Grenzpolizei, Police nationale und kommunaler Polizei sowie der Reinigungsfirma Ramery.

Während der Räumung seien „mindestens 500 Zelte und Planen, die den Exulierten als Unterkünfte dienten“, zerstört worden. Die von Utopia 56 und Human Rights Observers später veröffentlichten Videos dokumentieren diese Zerstörung der Hütten und Zelte. Wie schon bei vergangenen Räumungen ist zu sehen, wie in weiße Overalls gekleidete Bedienstete der Reinigungsfirma die Zelte und Planen mit großen Messern zerschneiden, ein Bagger die Hütten regelrecht zerpflückt und das Material in Schuttcontainer geschleift wird. „Unter dem Deckmantel einer Unterbringungsaktion (mise à l’abri) wurden in dem gesamten Gebiet die Unterkünfte von Baggerladern zerstört und die persönlichen Gegenstände der Exilierten beschlagnahmt, wobei Schuhe, Zahnbürsten und Kinderspielzeug im Schlamm zurückblieben“; die Fahrer der Baggerlader hätten durch „ihr unangemessenes Verhalten (Geschwindigkeit, Zerstörung aller Güter in ihrem Weg, Glassplitter) das Leben der Exilanten gefährdet“, so Utopia 56.

Wie die Human Rights Obervers übereinstimmend mit Utopia 56 berichteten, verhinderte „ein großer Kordon von CRS den Zugang von Menschen, die ihr Hab und Gut abholen wollten.“ Für die Unterbringung der fast 800 Betroffenen, unter ihnen zahlreiche Familien mit Kindern, standen nur vier Busse zur Verfügung. „70 Personen stiegen ein, ohne ihr Ziel zu kennen. Die anderen 700 wurden umso mehr prekarisiert.“

Beide Organisationen berichteten, dass hunderte Menschen danach durch das umliegende Gebiet irrten. Währenddessen kam es im geräumten Bereich zu einer bemerkenswerten Situation: Dem Blog InfoMigrants zufolge steckten kommunale Bedienstete am Nachmittag „ein Stück Land neben dem ehemaligen Camp ab, auf dem sich eine Gruppe von Migrant_innen niederlassen konnte.“ Der Grund? „Wir verstehen den Sinn dieser Operation nicht wirklich. Abgesehen von der Tatsache, dass der Ort kleiner ist und die Zahl der Bewohner_innen begrenzt wird, macht es keinen Sinn“, so die Koordinatorin von Utopia 56, Marie Chapelle, gegenüber InfoMigrants.

Größere Räumungen wurden in Grande-Synthe zuletzt am 2. September und davor mehrmals pro Monat dokumentiert (siehe etwa hier, hier und hier), allerdings ist die aktuelle eine der größten Operationen der vergangenen Jahre. Jede dieser Räumungen stellte eine Machtdemonstration dar, ging mit der Vernichtung von Ressourcen (siehe hier) im großem Unfang einher und stellte einen prekären Zustand her, den die Betroffenen dann mit einer neuen informellen Siedlung bis zur nächsten Räumung abmilderten.