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Jahr mit Fragezeichen


Wie entwickelt sich die Migration auf der Ärmelkanal-Route in diesem Jahr? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Versuch einer Einschätzung, basierend auf einem Ortsbesuch im Dezember.

Im gerade begonnenen 2026 jährt sich die Räumung des Jungle von Calais zum 10. Mal. Damals gaben die französischen Behörden zumindest an, mit diesem Schritt die Migrationskrise am Ärmelkanal lösen zu wollen. Dass dies vollkommen unrealistisch war, ließ sich auch 2016 unschwer erkennen, zumal die ersten neuen Migrant:innen die Stadt bereits erreichten, als an ihrem Rand die Überreste des in Flammen aufgegangenen Jungle noch rauchten. Statt zu einer toten Migrationsroute entwickelte sich der Ärmelkanal zu einer der wichtigsten in Europa, auf der die Zahlen, anders als auf der zentralen Mittelmeer- oder der Balkanroute, nicht zurückgingen, sondern jahrelang fast ausnahmslos anstiegen.

Verantwortlich dafür: der fast – aber nicht vollständige, wie wir im Lauf dieses Artikels sehen werden – „Umstieg“ von LKW auf Boote als Transportmittel. Die Chance, Großbritannien zu erreichen, nahm dadurch trotz der potentiell tödlichen Gefahr jeder Überfahrt stark zu. 41.472 Personen überquerten 2025 auf diese Weise den Kanal, die zweithöchste Zahl nach 2022 und ein deutlicher Anstieg verglichen mit dem Vorjahr. Zugleich war 2025 das Jahr mit der längsten Pause der Boots-Passagen jemals- wetterbedingt zwar, doch wie sich das Geschehen nun entwickeln wird, ist dennoch fraglich. Aus mehreren Gründen.

Unbestritten ist dagegen zunächst, dass die Route weiterhin sehr aktiv ist. Im Dezember hielten sich sowohl im Raum Dunkerque/ Grande-Synthe/ Loon Plage als auch an den Rändern von Calais jeweils etwa 1.500 Personen auf. Im ersten Fall handelt es sich um die Niederlassungen, die heute gemeinhin als Jungle bezeichnet und seit langem von Schleuser-Gruppen organisiert werden. Ursprünglich ein Sammelpunkt für Kurd:innen, ist die Gegend um Dunkerque heute die Anlaufstelle für Geflüchtete aus den verschiendensten Herkunftsländern, wobei seit einiger Zeit auch Eriteer:innen und Sudanes:innen stärker vertreten sind. Erstmals wurde uns auch von Uigur:innen berichtet.

Jungle in Grande-Synthe bzw. Loon-Plage, Dezember 2025. Foto: Calais Border Monitoring

Im zweiten Fall, Calais selbst, ist vor allem das weitläufige Gebiet um das Krankenhaus relevant, in den letzten Jahren lokal als Hospital- Jungle bekannt. Dort warten in der Regel junge Sudanes:innen, in zahlreichen kleinen Gruppen über das Areal verteilt, auf eine Möglichkeit nach England überzusetzen – und zwar nach wie vor an Bord eines LKW. Es gibt dort, anders als in Grande-Synthe, wo nach einer gerichtlichen Entscheidung Ende 2025 sanitäre Anlagen installiert wurden und sich schon seit längerem kleine provisorische Läden oder Verkaufsstellen von vor allem Lebensmitteln halten, keinerlei Infrastruktur, wohl aber Essensverteilungen lokaler associations.

Diese bestätigten uns, dass die Routine von Räumungen im 48 Stunden- Takt (bei denen alle Zelte unter Aufsicht der Polizei abgebaut werden müssen und, sobald diese sich entfernt hat, wieder aufgebaut werden) nach wie vor besteht. Eine selbstverständlich vollkommen sinnfreie Schikane, die direkt zurückgeht auf die Jungle-Räumung vor zehn Jahren und einen einzigen Zweck verfolgt: jede permanente Ansiedlung von Migrant:innen zu verhindern. Wir haben diese Praxis bei wesentlich kleineren und räumlich konzentrierteren Niederlassungen in der Vergangenheit mehrfach beobachtet – mal mehr, mal weniger martialisch. Im Fall des Areal um das Krankenhaus herum liegt auf der Hand, dass eine solche Operation mindestens sehr aufwändig sein muss.

Rituelle Räumung in der Nähe des Krankenhauses, März 2022. Foto: Calais Border Monitoring

Dass sich provisorische Camps dadurch nicht verhindern lassen, ist seit langem klar. Im Winter 2025/2026 scheint sich darüber hinaus, trotz aller Fluktuation, auch in Calais wieder ein räumlicher Schwerpunkt des Geschehens herauszubilden. In Grande-Synthe/ Loon-Plage ist diese Verfestigung bereits wesentlich weiter: Anfang des neuen Jahres warten laut der NGO Utopia56 dort rund 800 Personen auf eine Überfahrt. In Calais sind es derzeit ungefähr 1.250. Der Unterschied dürfte auf die Nacht des 20. Dezember zurückgehen, als mit 803 Personen die größte Zahl jemals im Dezember übersetzte. Seither gibt es übrigens erneut so gut wie keine Passagen.

Eine langfristige Tendenz, die sich in 2025 verfestigt hat, ist, dass das Stichwort ‚Calais‘ zwar international als Synonym für die Migrationskrise am Ärmelkanal verstanden wird, doch die weiträumig überwachte Stadt und ihre Strände selbst inzwischen längst nicht mehr deren Haupt-Schauplatz sind. Seit wir 2020 diesen Blog begannen, beobachten wir, dass sich die Abfahrtsorte der Boote entlang der Küste ausdehnten, wobei Gravelines nordöstlich und das Dünengebiet vor Boulogne-sur-mer südwestlich sich schnell als Schwerpunkte herausbildeten.

AKW hinter dem Strand von Gravelines, Juli 2024. Foto: Calais Border Monitoring.

Inzwischen betrifft es ein Kerngebiet von rund 100 Kilometern, das sich von kurz vor der belgischen Grenze bis südlich von Boulogne erstreckt. Weil letzterer Teil in 2024 und 2025 immer wichtiger wurde, die Entfernung zum Jungle groß und die Verkehrsanbindung je nach Wochentag von lückenhaft bis sporadisch reicht, gibt es inzwischen im Sommer Gruppen von Migrant:innen, die aus Verstecken in Strandnähe die Zeit bis zur Abfahrt abwarten (siehe dazu ein Interview mit der neuen association Opal´Exil, die seit 2025 in diesem Teil der Küste aktiv ist).

Südlich von jenen neuen Schwerpunkten endet das Geschehen jedoch nicht. Aus Berck-sur-Mer und der Gegend um die Somme-Mündung werden seit Jahren gelegentlich Abfahrten vermeldet, die Tendenz ist steigend. Mehrere unabhängige Quellen vor Ort berichten, dass auch Dieppe in der Normandie zunehmend eine Rolle spielt, womit sich das relevante Gebiet mehr als verdoppelt. Damit einher geht ein deutlich erhöhtes Risiko, denn der Abstand nach England ist dort wesentlich größer als im Raum Calais.

Einer der zentralen Punkte für 2026 dürfte die Frage sein, inwieweit die Bootspassagen weiter transformiert werden: weg von den bekannten small boats hin zu größeren taxi boats, die ihre Passagier:innen in Ufernähe aufnehmen. Im Norden, bei Gravelines, existiert eine lokale Variante, bei der diese über den Aa-Kanal zur Küste transportiert werden. Die zahlreichen von der Polizei an den Stränden abgefangenen und zerstörten Schlauchboote haben die Schleuser-Gruppen 2025 dazu gebracht, die Überfahrten weitgehend auf Taxi-Boote umzustellen. Entscheidend wird nun sein, inwieweit die französischen Behörden tatsächlich zulassen, als Reaktion darauf auch Boote zurückzuhalten, die sich bis zu 300 Metern vom Strand entfernt befinden. Dieser Schritt ist zwar vorgesehen, wird zuletzt aber von der französischen Polizei selbst abgelehnt.

Zugleich hat sich der britische Druck auf Frankreich, zu solchen Maßnahmen zu greifen, deutlich erhöht. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals fliegt der Labour– Regierung Keir Starmers ihre Variante, die Vorgabe Stop the boats umzusetzen, um die Ohren. Nachdem verschiedene Regierungen dieses Motto jahrelang lautstark beschworen, dominiert es inzwischen laut wie ein Orkan den gesellschaftlichen Diskurs und große Teile der Medien. Ob Border Security Command, der Fokus auf die Bekämpfung der Schleuserringe oder das Abschiebe-Abkommen mit Frankreich, nichts davon hat bislang zählbaren Effekt – was rechte Medien Labour genüsslich um die Ohren schlagen und Nigel Farages Reform UK auf einen Sieg bei den nächsten Wahlen zusteuern lässt.

In genau diesem Klima haben sich im Zuge der Londoner Großdemonstration gegen Zuwanderung im September rechtsextreme, nationalistische Gruppierungen wie Turning Point UK und Raise the Colours etabliert. Diese beschränken ihre Agitation gegen Immigration nicht auf das Territorium des Vereinigten Königreichs, sondern setzen inzwischen regelmäßig nach Nordfrankreich über, wo sie Migrant:innen und associations bedrohen oder belästigen, am Strand gefundene, von der Polizei zerstörte Boote als Erfolge im Kampf gegen eine vermeintliche Invasion präsentieren und nach eigener Aussage eine große Aktion vorbereiten, die sie selbst Operation Overlord Two nennen – als Referenz an die Schlacht um die Normandie im Zweiten Weltkrieg.

Als Datum haben Raise the colours auf Social Media Kanälen selbst den 24. Januar angegeben. Ihre Video- und Online-Ankündigungen, in denen sie ihr Vorhaben als Selbstverteidigung Großbritanniens darstellen, werden dabei zunehmend dramatisch und militant. NGOs in Nordfrankreich sorgten sich schon im Dezember um die Sicherheit von Migrant:innen und ihrer Freiwilligen. Darüber hinaus zeigt der Fall der französischen Kanalküste, wie eine migrationspolitisch sensible Region zum Aufmarschgebiet von Kräften wird, die bereit sind, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Angesichts ganz ähnlicher Tendenzen und politischer Akteur:innen in anderen europäischen Ländern dürfte der Ärmelkanal auch aus diesem Grund 2026 verstärkt ins Blickfeld geraten.