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Die periodische Eskalation

Für den größten Teil der französischen Bevölkerung, der in Häusern oder Wohnungen die Corona-Krise aussitzen muss, geht der seit Mitte März geltende Lockdown noch zumindest einige Wochen weiter. Für diejenigen, die sich nicht in ein sicheres Zuhause zurückziehen können, wird die Lage dagegen immer auswegloser – zumal die Zelte, in denen Hunderte Geflüchtete um Calais herum sich notdürftigst über Wasser halten, auch noch regelmäßig von der Polizei geräumt und/oder zerstört werden.

In dieser Woche ist die latent angespannte Situation eskaliert. Die Lokalzeitung Littoral Nord zitiert Augenzeugen mit den Worten: “Es ist sehr lange her, dass wir solche Spannungen gesehen haben.” Begonnen haben sie Mitte der Woche. Auslöser waren offenbar die besagten Räumungen, die im Industriegebiet Zone de dunes zwischen Fährhafen, Zubringerautobahn und Stadt regelmäßig stattfinden. Seit die französischen Behörden Ende 2016 die Jungle genannte informelle Siedlung räumen und planieren ließen, in der zeitweise mehr als 10.000 Menschen lebten, wird in Calais jede Form permanenter Behausung rigoros entfernt. Die weitaus meisten davon befinden sich heute in einem Radius von wenigen Hundert Metern vom damaligen Jungle und werden erneut so genannt. Derzeit halten sich dort rund 500 Personen auf.

Bei den Auseinandersetzungen am Mittwoch, dem 22. April, bewarfen mehrere Dutzend Migranten die Beamten der Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS) sowie der Gendarmerie mit Steinen. Zwei CRS-Mitglieder wurden dabei verletzt. Ein Bus der lokalen Unterstützer-Organisation Auberge des Migrants wurde “auf die Straße geschoben und abgebrannt ”, berichtet deren Vize François Guennoc unserem Blog gegenüber. Vorausgegangen sei eine Räumung am Mittwochmorgen, die zu der Auseinandersetzung zwischen Migranten und Polizei geführt habe. Littoral Nord berichtet, die Migranten hätten sich geweigert den Ort ihres Camps nahe einer ehemaligen Tankstelle zu verlassen. Die lokale Präfektur hat dies bestätigt. Laut Auberge des Migrants wurde auf Seiten ihrer dort anwesenden Freiwilligen niemand verletzt, und die Organisation habe inzwischen einen neuen Bus angeschafft.

Der detaillierte Hergang der Geschehnisse dieser Woche ist bislang nicht deutlich. Dass sich der Druck auf jene, die in Calais gestrandet sind, periodisch in Gewalt entlädt, ist jedoch nichts Neues. Bemerkenswert ist der Vorfall aber, da sich Geflüchtete am Ärmelkanal in der Regel eher untereinander bekämpfen – etwa um knappe Ressourcen wie Zugang zu Parkplätzen, um in einen LKW zu gelangen.

A propos knappe Ressourcen: dass Unterschlüpfe von der CRS geräumt und Zelte oder Schlafsäcke konfisziert oder zerstört werden, gehört in Calais und Umgebung schon jahrelang zum Standard. Zu den strukturellen Schikanen zählt weiterhin, Menschen, die im Winter im Freien übernachten, Wasser auf Decke oder Schlafsack zu schütten. Reichlich gibt es dagegen Gewalt seitens der CRS mit Schlagstock und Tränengas – und die alltägliche Routine der Räumungen. Ein Video auf der Facebook- Seite der Auberge des Migrants vermittelt einen Eindruck davon.

Hinter der jüngsten Eskalation steht die Tatsache, dass sich die Bedingungen des Überlebens seit dem Corona-Ausbruch noch einmal drastisch verschärft haben. Die britische NGO Care4Calais berichtete schon Ende März davon, dass mit dem Rückzug vieler Freiwilliger auch eine strukturelle Unterversorgung mit Essen und Wasser einhergehe. Eine der verbleibenden Helferinnen von Utopia56 sagte dem Guardian, einige Migranten seien mehr als eine Stunde Fußweg von fließendem Wasser entfernt.

Dass unter diesen Umständen nicht einmal ansatzweise von einem wirksamen Virenschutz gesprochen werden kann, versteht sich von selbst. Schon vor Wochen protestierte der örtliche Zweig von Secours Catholique in einer Petition an Premierminister Édouard Philippe: “Um zu Hause zu bleiben, muss man ein Haus haben, in dem man bleiben kann.”  Bislang sind unter Migrant_innen in Calais fünf Corona-Fälle bekannt, von denen Mitte April zwei geheilt waren und die drei anderen sich in Isolation befanden. 290 Personen sind in Zentren oder Hotels untergebracht. (siehe hier)

Ebenfalls im März wandte sich die UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, Leilani Farha, gegen die Routine-Zerstörung selbst der prekärsten Behausungen seitens der französischen Behörden. Das Recht auf adäquate Unterbringung und Schutz vor erzwungenen Räumungen , heißt es dort, gelte für alle Menschen und ausdrücklich auch für Migranten. (siehe hier)

Die Realität von Calais steht dazu seit vielen Jahren in eklatantem Widerspruch. Die strukturelle Brutalität dient keinem anderen Ziel, als jegliche permanente Siedlungsstruktur von Menschen auf dem Weg nach Großbritannien zu verhindern – ganz so, als ließe sich damit der Status aufrechterhalten, der 2016 nach der Zerstörung des damaligen Jungle verkündet wurde: das Ende der klandestinen Migration über den Ärmelkanal. Was im Übrigen nicht einmal damals der Wahrheit entsprach, denn erstens blieben mehrere Hundert Geflüchtete in Calais und Umgebung, zweitens kamen just in jenen Tagen Neue in der Stadt an.

Um die Wirklichkeit dem Wunschdenken anzupassen, hilft offensichtlich nur Gewalt. Über das “aggressive Vorgehen der CRS” beschwerte sich Mitte April in einem offenen Brief (siehe hier) noch die “eritreische Gemeinschaft im Jungle von Calais”, addressiert an den Präfekten, der auf der Website der Gruppe Utopia56 publiziert wurde. Von Beleidigungen, Bedrohungen und körperlicher Misshandlung ist dort die Rede: “Sie nahmen auch Menschen mit an Orte weit weg von Calais und schlugen sie, bis sie das Bewusstsein verloren.”

Wer die Beamten dabei filme, werde angegriffen und das entsprechende Telefon zerstört. Es folgt eine Liste mit acht Übergriffen alleine während der letzten Märzwoche. Bilanz: 15 Personen wurden geschlagen, zum Teil mit Teleskopschlagstöcken, fünf von ihnen auch mit CS-Gas besprüht, hinzu kommen ein gebrochener Arm und ein Krankenwagen-Einsatz für ein beinahe bewusstloses Opfer.