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Grande-Synthe

Vier Freiwillige festgenommen

Mit den immer unmöglicheren Lebensbedingungen in den migrantischen Niederlassungen um Calais und Dunkerque nimmt die Anspannung in diesen Tagen zu. Zusätzlich zur Routine von Polizeigewalt und Räumung sowie dem Covid-19-Ausbruch kommt derzeit die Angst, in ein Aufnahmelager gebracht zu werden, weit entfernt vom Kanal, ohne Chance von dort aus Großbritannien zu erreichen. Auch für die verbliebenen Freiwilligen wird die Situation zunehmend schwierig, wie der folgende Bericht eines Mitglieds von Utopia 56 zeigt:

Letzten Freitag besuchten wir das Camp La Linière in Grande- Synthe, wo etwa 200 Personen leben, vor allem Kurden aus Irak und Iran. Als wir dort ankamen, war schon eine große Anzahl an Polizisten anwesend. Wir passierten 14 CRS-Vans. Wir grüßten sie und wunderten uns, dass niemand antwortete. Uns wurde klar, dass die Polizei sich zu einer Kette formierten, um niemand aus dem Camp zu lassen.

Dahinter waren etwa 25 Menschen, die ihre Sachen wie Taschen und Schlafsäcke festhielten, und die versuchten zu entkommen. Wir hatten gerade noch Zeit ihnen zu sagen, dass wir keine Polizisten seien, und dann rannten sie los in Richtung der Autobahn. Die Polizei empfing sie mit Tränengas, um zu verhindern, dass sie die Autobahn überqueren konnten. Das filmten wir.

Fünf Minuten später kam die Polizei zu uns und verhaftete uns. Sie warfen uns drei Dinge vor, die alle nicht zutreffen:

1) Betreten des Orts entgegen den Anweisungen der Polizei. Das stimmt nicht. Wir gingen ohne Probleme an ihnen vorbei und grüßten sie sogar.

2)  Wir hätten eine Geste gemacht die Migranten zu ermuntern in Richtung der Autobahn zulaufen. Auch das stimmt nicht. Wir haben keinerlei Absicht eine solche gefährliche Situation auszulösen.

3 ) Ignorieren der Autoritäten, weil gemäß eines Gerichtsurteils von 2019 die Bewohner dieses Camps evakuiert werden müssen.

Ich bin seit anderthalb Jahren als Volunteer aktiv, ich habe eine Menge Räumungen und Polizei-Operationen miterlebt, aber ich bin noch nie verhaftet worden oder musste Bußgeld zahlen. Was dieses Mal anders war, ist, dass wir dokumentieren, was während dieses Corona-Zustands passiert. Die Polizei benutzt Tränengas und schlägt (die Migranten), und wir bezeugen dies. Wir filmten, wie die Menschen versuchten zu entkommen, aber sie wollten nicht, dass wir das aufnehmen und bezeugen.

Die Zustände im La Linière-Camp waren schon vor Corona-Zeiten schockierend. Jetzt aber sind sie noch schockierender. Aber trotz allem wollen die Migranten dort nicht in Aufnahmelager transferiert werden, die in anderen Teilen des Landes liegen, von wo aus sie keine Möglichkeit haben, Großbritannien zu erreichen. Sie waren in Panik, dass sie zu solchen Lagern gebracht würden, und genau das wollte die Polizei auch.

Wir waren eine Gruppe von vier Volunteers. Gerade erst angekommen, eine Woche vorher. Ich koordiniere dieses Team. Sie hielten uns neun Stunden fest. Wir wurden in ein Gefängnis nach Dunkerque gebracht. Mich steckten sie alleine in eine Zelle, die anderen drei in zwei verschiedene Zellen mit anderen Leuten darin. Nachdem ich heute mit unserem Anwalt sprach, sieht es aus, als ob unsere Festnahme keine weiteren juristischen Konsequenzen hätte. Wir überlegen derzeit aber, selber eine Beschwerde einzureichen.“

[Redaktioneller Nachtrag: Siehe hierzu auch die Presseerklärung und das Video von Utopia 56]