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Calais Grande-Synthe

„Erschwerte Solidarität“

Eine filmische Dokumentation

Utopia 56, gegründet 2016 angesichts der Situation Geflüchteter in Calais, wurde in den vergangenen Jahren zu einer Hilfsorganisationen für Geflüchtete in Frankreich. Mit wenigen Mitteln organisieren sie Unterkünfte, die Ausgabe von Zelten und Kleidung und greifen in Notsituationen ein, etwa um den Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewährleisten. Im vergangenen Winter hat der Journalist Ulysse Cailloux das Team von Utopia 56 nach Calais und Grande Synthe begleitet. Vom 26. bis 28. Dezember 2020 filmte er das tägliche Leben der jungen Aktivist_innen. 

Die Lage der Geflüchteten verschlechtert sich von Tag zu Tag. Trotzdem riskieren weiterhin viele ihr Leben, um nach Großbritannien zu gelangen und ihren unwürdigen Lebensbedingungen zu entkommen. Die Behörden versuchen stets, sie durch eine Verdrängung in Armut und ein Vorgehen gegen sogenannte „Fixierungspunkte“ zu entmutigen. Dies äußert sich in fast täglichen und nicht selten gewaltsamen Vertreibungen durch die Polizei, was im übrigen auch die Arbeit der Hilfsorganisationen vor Ort beeinträchtigt (siehe zuletzt hier).

Der Film gewährt einen Blick hinter die Kulissen; er zeigt das tägliche Engagement der Aktivist_innen von Utopia 56 für Grundrechte und Menschenwürde.

Das Gelände der Auberge des Migrants in Calais ist eine große Lagerhalle für Kleider, Lebensmittel, Schlafsäcke, Zelte und Decken, die auch als Anlaufstelle und Arbeitsplatz der Freiwilligen dient, die für Utopia 56 und eine Reihe weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen arbeiten. Hier werden Tüten mit Lebensmitteln vorbereitet und in einer Küche werden Mahlzeiten für die Exilierten in Calais und Grande-Synthe gekocht. 

Die Freiwilligen sind für die Verteilungen und Bereitstellung in einem Dienstplan eingeteilt. Manche haben während der Corona-Pandemie sogar Geldstrafen wegen Nichteinhaltens der Sperrstunde kassiert, obwohl sie alle Unterlagen vorlegen konnten.

In einem anderen Bereich der Auberge des Migrants wird Holz zerkleinert und in Säcke gepackt. Auch diese werden verteilt, damit die Leute in den Camps wenigstens Feuer machen können.

Mathieu, 35 Jahre alt und Freiwillger bei Utopia 56: „Die Politiker wechseln, aber die [gegenüber den Exilierten feindselige] Politik bleibt die gleiche, das demoralisiert. Wenn wir beharrlich bleiben, […] werden sie es vielleicht irgendwann einsehen.“

Arnaud, 32 Jahre, Kordinator bei Utopia 56 für Grande-Synthe und ein weiterer Freiwillger packen einen Transporter mit in Mülltüten gepackter Kleidung, um diese nach Grande-Synthe zu bringen und zu verteilen. 

Siloé, 21 Jahre, Koordinatorin bei Utopia für Calais: „Alles was wir hier erleben ist sehr intensiv. Lange vor Ort zu sein ist psychisch wie physisch anstrengend. Psychisch anstrengend sei das, was man sieht und erlebt. Nichts ist normal, das bleibt einem im Kopf.“

Die Freiwilligen schlafen und wohnen auf dem Campingplatz in einer Art Bungalow. Fünf oder sechs Personen teilen sich den geringen Platz. Es ist schwer eine Unterkunft zu finden und so müssen sie eben auf Privatsphäre verzichten.

Für sie ist die Arbeit viel und lang – 365 Tage im Jahr, täglich rund um die Uhr, egal ob tags oder nachts, in jeder Notsituation sind sie zu erreichen und präsent.

Laure, 32 Jahre, Koordinatorin bei Utopia 56 für Grande-Synthe und ein Freiwilliger brechen bei Dunkelheit dorthin auf in das Puythouck-Gelände. Via Whatsapp haben sie sich mit einer Person verabredet, die sie ins Krankenhaus begleiten. Zunächst bekommt er noch neue Kleidung.

Bilal aus Kurdistan spricht in dem Video über sein Ziel Großbritannien. Er versuche es immer wieder, doch es sei sehr schwer. Eines Tages werde er es schaffen, so Gott will. Während er auf seine Gelegenheiten wartet, müsse er bei schlechtem Wetter im Wald leben. Er hat nichts außer einem Zelt und Decken. Keine Dusche, keine Toilette, keine Elektrizität, nichts um sich zu trocknen.

Dennoch möchte er niemanden für die Überfahrt bezahlen, er möchte es eigenständig versuchen. Mal versucht er auf einen Laster zu kommen, mal auf ein Schiff, bisher aber immer ohne Erfolg. Er berichtet von Gesprächen mit Leuten aus der Umgebung und dem nahen Belgien. Sie seien freundlich und nett, bei ihnen muss er sich nicht als „Flüchtling“ fühlen. Mit der Polizei sei das anders. Er respektiere sie, aber die wollen nicht, dass man hier ist, sagt er. Sie kommen manchmal zweimal die Woche und zerstören die Zelte, und dann kann man nirgendwo hin, um ein neues aufzubauen, sie zerstören alles. Wenn es dann auch noch regnet, ist das besonders hart. „Was für ein Leben, ich fühle mich dreckig.“ 

Siloé erzählt, was die Geflüchteten über ihre Situtation sagen: „selbst ein Hund hätte es besser, würde besser behandelt werden und könnte einfacher nach Großbritannien reisen.“

Nächste Station für Laure ist Dunkerque. Dort ist sie mit mit einem unbegleiteten Minderjährigen verabredet, der eine Unterkunft sucht und angeblich vorher schon im Foyer George Brassens in Calais, einer Notunterkunft für unbegleitete Minderjährige, untergebracht war.  Für eine Familie mit drei Kindern im Alter von zwei, drei und acht Jahren wird ebenfalls eine bessere Unterkunft gesucht. Sie leben in einem Zelt, wie viele anderen Familien auch. „Das ist alles traurig und nervig und geht einem sehr nahe“, sagt die Helferin. 

Nächster Tag: Camp Old Lidl in Calais. Siloé in ihrem Auto, sie ist mit zwei jungen Männern verabredet, um ihnen neue Zelte und Decken zu bringen. Es regnet und ist kalt, in der Nacht hat es gestürmt und viele Zelte sind kaputt. Danach geht es zum Hopital Jungle, sie trifft dort einige minderjährige Jungs. Sie ruft, sie habe gute Neuigkeiten, alle sollen kommen und hören. Calais stelle einen Platz für Minderjährige zur Verfügung. Teilweise wenden sich die Jungs ab, sind desinteressiert, meinen noch heute nach Großbritannien abzureisen. Es gibt schier endlose Diskussionen, warum sie für die Jungs nicht mehr tun kann.

Die Jungs werden mit ihrem wenige Hab und Gut von einem Bus abgeholt.

Es gibt wohl immer wieder Unterkünfte, die zur Verfügung gestellt werden. Jedoch mangelt es dort an allem, sodass sich die Jungs häufig entscheiden, lieber draußen zu bleiben.

Im Stadtzentrum von Calais: Weihnachtszeit und Geschenke auf der einen Seite, Exilierte in Zelten unter einer Brücke auf der anderen Seite. Morgens um 6 Uhr sind Freiwillige gekommen, da eine erneute Vertreibung angekündigt wurde. Sie wollten vor Ort sein, filmen und dokumentieren, doch die Räumung findet an diesem Tag nicht statt (siehe hier und hier).

Unterstützt durch eine Reinigungsfirma, evakuiert die Polizei am nächsten Tag dann eines der Camps von Grande-Synthe. Auch wenn die Behörden die Vertreibungen geheim halten wollten, konnten die Journalisten Louis Witter und Simon Hamy ein paar Aufnahmen machen, werden jedoch an ihrer Arbeit gehindert. Sie legen Berufung von dem Verwaltungsgericht in Lille ein. Ihre Klage sollte später vor dem Staatsrat, vergleichbar dem deutschen Bundesverfassungsgericht landen und verworfen werden (siehe hier).