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Calais

Die Ukraine und Calais (2)

(Foto: Care4Calais)

[Updated, 14. März 2022] Nach wie vor verweigert die britische Regierung Geflüchteten aus der Ukraine ein Visum, sofern diese nicht eng gefasste Kriterien erfüllen (siehe hier). Anfang März ist eine kleine Zahl ukrainischer Kriegsflüchtlinge in Calais angekommen, die binnen weniger Tage auf einige hundert Personen zunahm. Wie dokumentieren im Folgenden einen Artikel von Care4Calais und Statements anderer Gruppen über die aktuelle Situation. Wie auch andere lokale Organisationen, etwa l’Auberge des migrants und Utopia 56, weist Care4Calais auf eine Doppelmoral der Behörden hin. Denn vor dem Hintergrund der transnationalen Solidarisierung gegen den russischen Überfall auf die Ukraine zeigt sich eine Selektivität der Hilfe: Während die Unterpräfektin und die Bürgermeisterin von Calais umgehend eine Unterbringung ukrainischer Geflüchteter in Hotels und einer Jugendherberge in Aussicht stellten, gilt dies für Geflüchtete aus anderen, nichteuropäischen Kriegsgebieten nicht; ihre Camps werden vielmehr weiterhin massiv unter Druck gesetzt. Die lokale Migrationspolitik unterscheidet damit scharf zwischen Geflüchteten, für die aktive Hilfe mobilisiert wird, und Geflüchteten, denen zu helfen öffentlich diskreditiert, aktiv behindert und seit anderthalb Jahren sogar als Ordnungswidrigkeit bestraft wird (siehe hier). Hierin zeigen sich sicherlich tief sitzende rassistiche Denk- und Handlungsmuster, und vermutlich geht es auch darum, in der jetzigen politischen Situation keine Bilder ukrainischer Geflüchteter in den Calaiser Camps entstehen zu lassen. Dass die Behörden eine kleine Anzahl von Geflüchteten nun überhaupt menschenwürdig unterbringen, ist natürlich vollkommen zu begrüßen. Es sollte jedoch zum Nukleus einer menschenwürdigen Unterbringung aller werden.

Care4Calais: Ukranian refugees turned back from UK now in Calais (3. März 2022)

Britain has turned back nine Ukrainian refugees at the border because they didn’t have visas, according to reports in the French press.

The two families from Odessa in southern Ukraine had travelled four days to escape the Russian attack. Having been rejected by the UK, they are reportedly staying in hotel accommodation in Calais.

Véronique Deprez-Boudier, sub-prefect of Calais, said that the British consul was now helping them to obtain visas that would allow them entry to the UK. She hoped that the process would be completed by the end of this week.

While no one can fail to be moved by the need and suffering of the Ukrainian families, it is hard to ignore the startlingly difference between their treatment and that given to other Calais refugees fleeing war.

Deprez-Boudier said that other Ukrainian refugees would be welcome to stay in hotels in the town, and that if they were experiencing difficulties, the mayor would provide accommodation in a youth hostel.

This winter we have watched our friends in Calais sleep outside night after night in the mud and the rain. They live in freezing cold temperatures 24/7 where if your clothes get wet they stay wet and you are permanently exhausted by being moved on by the police.

Yet now we have white European refugees it is suddenly easy to put them up in hotels; it would be shocking to think of them sleeping outside following the horrendous ordeal they have been through. So why, for so many years, has it been acceptable to leave dark skinned victims of war outside, cold and abused, and to deny them even their right to food?

Deprez-Boudier was asked to explain the glaringly different treatment given to Ukrainian refugees looking for safety in the UK, and those from other countries seeking the same thing.

“I will not comment,” she said. “I will only say that making such a comparison is inappropriate.”

Why was it “inappropriate” to compare of people escaping from conflict in Europe with people escaping conflicts in Africa or the Middle East? She didn’t say. Rarely can European double standards have been so starkly exposed.

Meanwhile the UK Government, with its familiar clumsiness, is also treating Ukrainian refugees and others in different ways, but with equal contempt.

Family members of British nationals who live in Ukraine will soon be able to apply for migration visas; there will be a sponsorship scheme for Ukrainians without family ties to the UK. This has no upper limit so that as many Ukrainians who have sponsors are able to come to the UK; Ukrainians already in the UK will be able to extend existing visas.

While this is certainly good news and indeed it is hoped that much more will be done, it is impossible not to notice the stark difference to the refugee narrative of the last three years.

In the UK we have been told that the ‘hoards’ of people crossing the Channel each year are an ‘invasion’ that threaten our country, numbers so high they may bring us to the brink of economic breakdown – indeed it seemed likely that our island would sink. Is this only true if they are black or brown? When it comes to refugees from Europe or Hong Kong we suddenly have the ability to cope – how odd.

There has never been a time when it has been more important to remember that human rights apply to all human equally; and that all refugees must always be treated with compassion, fairness and respect.

Statement von Utopia 56 (4. März 2022)

Nach und nach treffen unsere Teams am Bahnhof von Calais auf Menschen aus der Ukraine. Wir bringen sie mit dem Auto zur Jugendherberge, die ausschließlich für Ukrainer geöffnet ist. Bei Kälteplänen [Notprogramm der Behörden für die Bewohner_innen der Camps bei Frost und Extremwetter] werden feuchte Hallen für die Exilierten geöffnet.

In Calais, wo Vereine seit Jahren Unterkünfte für an der Grenze festsitzende Personen fordern, wurden innerhalb weniger Tage Plätze für die aus der Ukraine eingetroffenen Personen freigegeben.

Gestern trafen wir bei Suchfahrten eine Ukrainerin, die zu ihrem Lebensgefährten nach England reisen wollte. Sie ist bei einer Bürgerinitiative untergebracht und sieht sich wie Tausende andere Menschen mit dem völligen Fehlen eines sicheren Weges nach England konfrontiert, sobald sie an der Grenze angekommen sind.

Für all diese Menschen im Exil, aus der Ukraine oder anderswo, aus Afghanistan, Eritrea, dem Sudan, die auf den Bordsteinen und in den Camps von Calais, Grande-Synthe, Paris, Rennes usw. schlafen, beweist die Situation in der Ukraine: Es ist möglich, sich für eine menschenwürdige Aufnahme zu entscheiden.

Statement von l’Auberge des migrants, 7. März 2022

Statement von l’Auberge des migrants (7. März 2022)

Mehreren Medienberichten zufolge haben sich in den letzten Tagen etwas mehr als 500 ukrainische Geflüchtete am Hafen oder am [Kanal-]Tunnel in Calais gemeldet, um nach Großbritannien zu gelangen. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde von der Border Force zurückgewiesen.

Wir, l’Auberge des Migrants und die sieben anderen Vereine, die in unserem Warehouse untergebracht sind, erklärten uns bereit, diesen Flüchtlingen zu helfen.

Bereits jetzt wurde in der Jugendherberge Damen- und Kinderkleidung bereitgestellt.

Wir protestieren weiterhin gegen die diskriminierende Behandlung anderer Geflüchteter, die vor Krieg oder Unterdrückung in Syrien, Tigray, Südsudan, Kurdistan, Somalia usw. fliehen.

Die Präfektur antwortete uns nicht auf die Frage, ob der Präfekturerlass, der die Verteilung von Lebensmitteln und Wasser in Calais verbietet, auch Ukrainer betrifft.

Wir erwägen eine Klage wegen Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe und Religion, unter der die Geflüchteten in Calais zu leiden haben.

Gemeinsames Statement zivilgesellschaftlicher Organisationen (14. März 2022)

Die heutige Aufnahme von Menschen aus der Ukraine in Calais beweist, dass es möglich ist, das, was wir seit dreißig Jahren fordern, in Würde aufzunehmen. Die Aufnahme ist keine Frage der finanziellen oder materiellen Mittel, sondern des politischen Willens.

Seit dem 28. Februar sind in Calais Hunderte von ukrainischen Exilanten eingetroffen, die auf eine schnelle Überfahrt ins Vereinigte Königreich hoffen. Diese gesellen sich nicht zu den etwa 1500 Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Irak, Iran, Sudan und Südsudan, Syrien – um nur einige zu nennen –, die das gleiche Ziel haben. Doch alle diese Menschen sitzen an der britisch-französischen Grenze fest, die in den letzten Tagen zu einem Ort der Diskriminierung und der Aufnahme mit zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Alle haben denselben administrativen Status: den, in einem anderen Land als ihrem eigenen Schutz zu suchen.

Wir, Vereine, Kollektive und unabhängige Calaiser, begrüßen die Aufnahme der Menschen aus der Ukraine und bedauern diese Ungleichbehandlung derjenigen, die sich bereits in Calais aufhalten. So werden Exilanten aus der Ukraine von der Stadtverwaltung von Calais mit offenen Armen empfangen und untergebracht, während andere Menschen bei Regen oder Sonne auf der Straße zurückgelassen werden. Bei Kälteplänen [plans Grand froid: Programm der Behörden für eine bedingte und befristete Unterbringung in Frostnächten, d.Red.] werden nur feuchte Hallen geöffnet, nicht aber die Jugendherberge.

Das Verlassen des Herkunftslandes ist immer ein Abschiedsschmerz, der durch die Notwendigkeit der Flucht verursacht wird. Die Hierarchisierung von Menschen im Exil nach ihrem Herkunftsland ist eine Diskriminierung, derer sich Frankreich schuldig macht.

Wir bekräftigen unsere Forderung nach Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit für alle Menschen, die aus ihrem Land geflohen sind, sowie nach einer würdigen und solidarischen Aufnahme ohne Diskriminierung.

Unterzeichner:
Association minorités visibles et de la diversité, Action humanitaire Dunkerque, Auberge des migrants, Faim aux frontières, Calais Food Collectiv, LDH, Human Rights Observers, La cimande Grande-Synthe, MRAP Dunkerque, Refugee Info Bus, Salam, Shanti, Utopia 56