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Calais

Antimigrantische Zwecklandschaft

Steine und Werbetafel auf einem Camp-Gelände in der Innenstadt von Calais, September 2022. (Foto: Human Rights Observers)

Erneut blockierte die Stadtverwaltung von Calais einen informellen Lebensort von Gefüchteten am Quai du Danube auf brachiale Weise. Schwere Felsklötze wurden am 13. September 2022 großflächig auf dem Areal verteilt, sodass es nicht mehr möglich ist, sich dort in Zelten niederzulassen. Das Gelände befindet sich in der Innenstadt von Calais und war in den vergangenen Wochen einem schrittweise verstärkten Druck ausgesetzt.

Nach den Beobachtungen der Human Rights Observers wurden die Bewohner_innen des Camps seit dem 3. August 2022 alle 24 Stunden vertrieben, also noch häufiger, als es sonst in Calais üblich ist.

Video der Human Rights Observers über die täglichen Räumungen an den innerstädtischen Quais, 26. August 2022. (Tweet: Human Rights Observers)

Obschon seit Jahren Exilierte an oder in der Nähe der innerstädtischen Quais leben, bildeten sich während des Sommers etwas größere Camps. Gegen sie richtet sich auch die ab dem 13. August wieder aufgenommene Politik der Präfektur, zivilgesellschaftliche Hilfen, insbesondere die Verteilung von Lebensmitteln und Wasser, im Umfeld der Camps zu verbieten (siehe hier). Flankierend ließ die Stadtverwaltung Ende August eine Sperre aus Steinbrocken errichten, damit die Organisationen die Verteilungsplätze nicht mehr befahren können. Weil die Steine jedoch auch eine wichtige Zufahrt der Feuerwehr zu den Quais versperrten, wurde ein Teil der Blockade am 31. August versetzt.

Die physische Versperrung von Flächen, die entweder von Exilierten genutzt werden oder ihrer Grundversorgung dienen (sofern diese nicht explizit durch staatlich mandatierte Organisationen durchgeführt wird), hat in Calais eine lange Geschichte. Neben Sperren aus Steinen, Betonelementen, Erdwällen und Gräben sind Rodungen, Pflügungen (siehe u.a. hier) und Einzäunungen (siehe u.a. hier) gängige Mittel. Teile der Stadt und ihrer Peripherie verwandeln sich damit mehr und mehr in eine Art antimigrantische Zwecklandschaft (siehe hier).

Bereits 2017 wurden in Calais Sperren gegen die Verteilung von Hilfsgütern errichtet. (Foto: Th. Müller, September 2017)

Diese inakzeptable Politik produziert mitunter groteske Situationen. Dies gilt auch für den aktuellen Fall. „Trotz der Wut“, die der Anblick des von Steinen übersäten Areals hervorrufe, hat die Stadtverwaltung aus Sicht von L’Auberge des migrants ungewollt „die ganze Absurdität der Situation“ zum Ausdruck gebracht. Denn am Rand des oben abgebildeten Fotos ist eine Werbetafel zu erkennen. „Die Werbetafel ist von Felsen umgeben und für das Unternehmen, das für die Erneuerung des Inhalts verantwortlich ist, unzugänglich geworden. Denn wenn man einen Zugang frei lässt, könnte man Platz für ein Zelt schaffen. Wenn Sie in ein paar Jahren an den Quais im Stadtzentrum entlangschlendern, werden Sie vielleicht einen Blick auf dieses Relikt aus alten Zeiten erhaschen können, auf dem das Programm für die Spielzeit 2022/23 des Theaters von Calais für die Ewigkeit festgehalten wurde.“