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Channel crossings & UK

Anschlag in Dover war rechtsextrem motiviert

Der Brandanschlag auf das Migrationszentrum in Hafen von Dover am 30. Oktober 2022 (siehe hier) hat einen rechtextremen Hintergrund und wird von den Polizeibehörden als rechtsterroristisch bewertet. Recherchen britischer Medien und antifaschistischer Initiativen geben einen ersten Einblick in das ideologische Weltbild von Andrew Leak, der inzwischen als Täter indentifiziert ist.

Selbstinszenierung von Andrew Leak auf Facebook. (Quelle: Hope nor hate).

Bei dem Anschlag warf der 66jährige Mann aus High Wycombe westlich von London zunächst zwei oder drei Brandbomben aus einem Auto auf die Außenwand des Migrationszentrums im Hafen von Dover, das als Erstaufnahme für Bootsmigrant_innen landesweit bekannt ist und in dem sich rund 700 Personen befanden. Zwei Bedienstete wurden leicht verletzt, aber das Feuer konnte rasch gelöscht werden. Leak nahm sich kurz darauf das Leben.

Wurde zunächst auf psychische Probleme des Täters und Ermittlungen gegen ihn wegen Sexualdelikten an Kindern hingewiesen, so wird nun der ideologischer Hintergrund deutlich. Zwei Tage nach dem Anschlag übernahm die Counter Terrorism Policing South East (CTPSE) die Ermittlungen, die zunächst von der Kent Police durchgeführt worden waren. Die BBC zitiert einen Vertreter der CTPSE mit der Aussage, es gebe Beweise, dass die Tat „von einer terroristischen Ideologie motiviert“ gewesen sei.

Der leitende nationale Koordinator für polizeiliche Terrorismusbekämpfung, Til Jacques, erklärte dem Sender zufolge: „Nach Prüfung der bisher gesammelten Beweise gibt es zwar starke Hinweise darauf, dass die psychische Verfassung wahrscheinlich ein Faktor war, aber ich bin überzeugt, dass die Handlungen des Verdächtigen in erster Linie von einer extremistischen Ideologie angetrieben wurden. Dies erfüllt den Schwellenwert für einen terroristischen Vorfall.“

Die antifaschistische Plattform Hope not hate (früher Searchlight) wertete den inzwischen gesperrten Facebook-Account von Leak aus. Dabei zeigte sich eine Vorgeschichte, in der er zahlreiche „rechtsextreme Inhalte geteilt und rassistische Kommentare abgegeben hat. Dazu gehört das Teilen von Inhalten der rechtsextremen Traditional Britain Group, Turning Point UK und der in den USA ansässigen islamfeindlichen Bewegung ACT for America. Leak teilte auch einen transphoben Artikel der konservativen Nachrichtenseite The Blaze.“ Hinzu kamen „verschwörungstheoretisches Material“ und einschlägige rechtsextreme Slogens gegen eine angebliche „Neue Weltordnug“. Insgesamt war Leaks Facebookseite „übersät mit langen und manchmal unzusammenhängenden Beiträgen zu einer Reihe von Themen. Besorgniserregend ist, dass er am 28. Juli in einem Posting sagte: ‚Ich habe 12 Wochen, um euch fertig zu machen‘, wobei unklar ist, was er damit meinte.“

Von Andrew Leak geteilter Beitrag der rechtsexremen Traditional Britain Group. (Quelle: Hope not hate)

Einzelne von Hope not hate dokumentierte Posts haben Bezüge zu Migration. So teilte Leak im Oktober 2021 ein Post der Traditional Britain Group mit einer Meldung des rechtsextremen Onlinemediums Breitbart über die Einstufung in Frankreich lebender Personen durch das dortige Innenministerium als terrorverdächtig; einige hundert dieser Personen seien, so Breitbart, „illegale Migranten“. In ihrem Post brachte die Traditional Britain Group diese Meldung mit den Channel migrants in Verbindung und erweckte den Eindruck, über die Kanaroute würden Terrorist_innen nach Großbritannien einreisen. Außerdem suggierte die Gruppe in verschwörungstheoretischer Manier, das britische Innenministium würde die Wahrheit hierüber verschweigen. Leak spitzte dies zu der Ankündigung zu: „We are ready and There’s more of ash now Let the games begin“ (Schreibweise wie im Original). Dies könnte darauf hindeuten, dass Leak schon länger vorhatte, eine symbolpolitische Gewalttat mit Bezug auf die Bootsmigrant_innen zu begehen.

Wie Leaks Radikalisierungsprozess verlaufen ist, ob er tatsächlich isoliert handelte und was genau sein zunächst eher diffuses Weltbild schließlich auf den Ankunftsort der Channel migrants fokussierte, bedarf weiterer Aufarbeitung. Dabei geht es auch um die Wirkung einer affektiv und alarmistisch vorgetragenen Antimigrations-Rherotik, sei es, dass sie von den politischen Akteure, den (Boulevard-) Medien oder rechtsextremen Gruppierungen eingesetzt wird. Seit dem ersten Ansteigen der Bootspassagen im Herbst 2018 hatten die Innenminister_innen der Regierungen May, Johnson, Truss und Sunak unablässig von der angeblich verlorenen Souveränität über die Grenze gesprochen, einen Kontrollverlust über die Einwanderung beklagt oder sogar die Bootspassagen mit einer Invasion gleichgesetzt.