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Calais Channel crossings & UK

Tödlicher Herbst

Blick auf die See, auf dem Fernrohr ein Geier: Banksy-Mural am Strand von Calais. (Foto: Th. Müller)

[Updated] Die Häufung von Todesfällen in der Ärmelkanalregion setzt sich fort. Seit 2015/16 sind tödliche Ereignisse nicht über einen so langen Zeitraum so dicht aufeinander gefolgt wie in diesem Herbst. Dieser düstere Befund spiegelt das hohe Risiko der Bootspassagen bei anhaltend ungünstiger Witterung, die nur sehr kurze Zeitfenster zulässt, in denen dann sehr viele Menschen die Passage versuchen. Andere Todesfälle ereigneten sich im Umfeld der nordfranzösischen Camps, auf Straßen und Schienen, als Suizide oder im Zuge gewaltsamer Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen. All dies hängt direkt oder indirekt mit dem hohen migrationspolitischen Druck zusammen, der auf den Exilierten beiderseits des Ärmelkanals lastet und von kommerziellen Schleusern – denen gern die alleinige Verantwortung zugeschrieben wird – kapitalisiert wird. Über einige der jüngsten Todesfälle haben wir bereits berichtet. Hier ein Überblick über die Fälle, die sich seither ereignet haben oder die erst jetzt bekannt wurden.

Auf See, 15. Dezember

In der Nacht vom 14. auf den 15. Dezember havarierte ein Boot mit 66 Passagier_innen knapp 8 Kilometer vor der Küste von Grand-Fort-Philippe, zwischen Dunkerque und Calais gelegen. Nach Angaben der Seepräfektur stellte ein gegen 0:30 Uhr eingetroffenes Rettungsschiff fest, dass einer der Schläuche des Bootes leer war und sich Personen im Wasser befanden. Nach der Verstärkung um zwei weitere Schiffe wurden die Menschen zwischen 1:15 und 2:15 Uhr geborgen. Zwei von ihnen waren nicht mehr bei Bewusstsein. Einer der beiden konnte nicht wiederbelebt werden und starb, der andere schwebte in Lebensgefahr und wurde per Hubschrauber in das Krankenhaus von Calais gebracht. Da nicht auszuschließen war, dass sich noch zwei weitere Personen im Wasser befanden, führten die Behörden eine Suchoperation durch. Ob nach wie vor Personen vermisst werden, ist uns nicht bekannt

Sangatte, 15. Dezember

Bei einem anderen Überquerungsversuch starb eine weitere Person in Sangatte westlich von Calais. Lokale Medien zitieren den zuständigen Staatsanwalt mit einer ersten Rekonstruktion der Ereignisse. Demnach stach „eine Gruppe von 70 Migranten mit einem kleinen Boot in See, aber das Boot kehrte aus unbekanntem Grund gegen 7 Uhr morgens zum Strand zurück“. Bei dem Toten soll es sich um einen etwa 25jährigen Mann handeln.

Die in Calais tätige britische NGO Care4Calais veröffentlichte noch am 15. Dezember eine andere Darstellung: „Heute Morgen gegen 7 Uhr versuchten 80 Personen, mit einem Boot von Sangatte aus aufzubrechen. Als eine Polizeistreife am Strand eintraf, soll es zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. In dem Durcheinander fielen Menschen aus dem Boot ins Wasser, und ein 25-jähriger Sudanese erlitt im Meer eine Herzattacke. Er wurde vom Rettungsdienst geborgen, starb aber später im Krankenhaus.“

Die beiden Todesfälle vom 15. Dezember ereigneten sich in einem Zeitfenster, als nach anhaltend schlechter Witterung wieder zahlreiche Überquerungsversuche stattfanden. „Seit fast 36 Stunden versuchen mehr als tausend Exilierte, den Ärmelkanal zu überqueren. Mindestens zwei sind gestorben, mehrere Personen wurden ins Krankenhaus gebracht, Hunderte sind durchnässt und frieren. Die Lage ist katastrophal“, fasste die Hilfsorganisation Utopia 56 die Lage am 16. Dezember zusammen. Die Dramatik dieser Situation spiegelt sich auch in einigen Zahlen. So erreichten am 15. Dezember sieben Boote mit 292 Exilierten britisches Hoheitsgebiet, während 110 Exilierte in französischen Gewässern aus Seenot gerettet wurden. Am folgenden Tag, dem 16. Dezember, erreichte ein einziges Boot mit 55 Personen Großbritannien, die Zahl der im französischen Gebiet Geretteten betrug 283.

Portland, 12. Dezember

An Bord des Wohnschiffs Bibby Stockholm im südenglischen Portland starb am frühen Morgen des 12. Dezember ein Exilierter. [Später sollte bekannt, dass es sich um den albanischen Asylsuchenden Leonard Farruku handelte.] Das Schiff dient als Massenunterkunft für Männer, die den Ärmelkanal in Schlauchbooten überquert haben. Während die Behörden keine näheren Angaben machten, meldeten mehrere britische Medien, dass der Mann Suizid begangen habe und in seiner Kabine an Bord der Bibby Stockholm gestorben sei. Kurz nach 6:20 Uhr sei dann die lokale Polizei von dem Todesfall unterrichtet worden.

Gegenüber BBC gab ein Bewohner des Schiffs an, der Mann habe am späten Abend auf dem Korridor schreiend über die Situation an Bord geklagt, als Sicherheitskräfte ihn in seine Kabine schicken wollten; mehrfach habe er wiederholt, er sei kein Sündenbock (scapegoat). Nach Mitternacht habe es eine ähnliche Situation gegeben.

Der Guardian zitiert einen Bewohner mit der Aussage: „Dieser Tod kam für niemanden von uns überraschend. Dass sich Menschen das Leben nehmen, ist ein vorhersehbares Ergebnis der Politik des Innenministeriums, Leute auf den Kahn zu bringen. Je länger sie uns hier festhalten, desto mehr sehe ich, dass sich die psychische Gesundheit aller verschlechtert.“

Bereits in der Vergangenheit hatten Bewohner des Schiffs über haftähnliche Bedingungen geklagt und teils suizidale Gedanken geäußert, auch aus Furcht vor einer Abschiebung nach Ruanda. Beides – die Anmietung und Belegung der Bibby Stockholm und das Abschiebeabkommen mit Ruanda – stehen in unmittelbarem Zusammenhang (siehe hier, hier und hier).

Fréthun, 9. Dezember

Eine weiterer Exilierter starb auf dem Güterbahnhof Fréthun bei Calais durch einen elektrischen Schlag. Der Bahnhof ist Teil der hochgradig gesicherten Betriebsanlagen des Kanaltunnels. Dort war am Abend des 9. Dezember ein mit Papier beladener Güterzug in Brand geraten. Wie die Lokalzeitung La voix du Nord unter Berufung auf die Eisenbahngesellschaft SNCF berichtet, sollen Exilierte „versucht haben, in den Güterzug einzusteigen. Der Stromschlag bei einem von ihnen führte dazu, dass auf dem Wagen ein Feuer ausbrach.“ Ein junger Mann kam ums Leben, über seine Herkunft und Identität wurde bislang nichts bekannt. Ein 16jähriger Jugendlicher, der bei dem Vorfall verletzt wurde, stammte aus dem Sudan.

Sudanische Exilierte in den Calaiser Camps haben oft nicht die Mittel für eine Bootspassage und weichen daher auf riskante Alternativen aus. Die Eisenbahninfrastruktur am Kanaltunnel war nach der Jahrtausendwende ein häufig versuchter Migrationspfad gewesen, danach hatte sich das Geschehen jedoch auf den Lastwagenverkehr zum Fährhafen konzentriert. Während es hierbei kontinuierlich zu Todesfällen kam – Opfer waren meist junge Männer aus dem Sudan – waren bis zu diesem Tag keine Todesfälle auf dem Betriebsgelände des Kanaltunnels mehr bekannt geworden.

Dannes, 4. Dezember

Am Strand von Dannes, einer Gemeinde südlich von Boulogne-sur-Mer, entdeckten Gendarmen am 4. Dezember eine Leiche. Die Autopsie ergab, das es sich um den 38jährigen Eskiel Sebsbea Tsgaye aus Eritrea handelt; als Todesursache wurde Ertrinken festgestellt. Der Mann war seit der Havarie am 22. November vor der Küste von Équihen-Plage vermisst, bei der zwei weitere Personen ertrunken waren (siehe hier).

Nach der Havarie waren die Behörden zunächst von zwei Todesfällen ausgegangen: der 34jährigen Mulu Wolde Tsehaye aus Eritrea und einem Mann mit Vornamen Aman. Danach jedoch wandte sich die Familie einer weiteren Person hilfesuchend an französische Stellen. Wie sich nun herausgestellt hat, war der am 4. Dezember in Dannes gefundene Mann diese vermisste Person.