Zum ersten Mal wurde das Abfangen eines Schlauchboots im küstennahen französischen Gewässer dokumentiert. Bereits im Januar war ein ähnliches Manöver auf einer Binnenwasserstraße durchgeführt worden (siehe hier). Zeitgleich mit der jahreszeitlichen Intensivierung der Bootspassagen wird damit eine neue, riskante Einsatzdoktrin der französischen Behörden sichtbar. Bis dahin war das aktive Stoppen bereits im Wasser befindlicher Schlauchboote ohne Vorliegen einer Notsituation ein rechtliches Tabu gewesen.
Schlagwort: Bootspassagen
Bootspassagen ab Belgien
In diesem Winter registrieren belgische Behörden, dass vermehrt Boote von dort aus nach Großbritannien in See stechen. In der Nordsee wiederholt sich damit ein Phänomen, das wir in den vergangenen Jahren immer wieder beobachten konnten, nämlich eine Ausweitung der Kanalroute zur Picardie und Normandie im Westen und nach Flandern im Osten. Belgien reagiert mit verstärkter Küstenüberwachung.
Was danach geschieht?
Das „One out, one in“-Abkommen: Eine Zwischenbilanz
Seit dem 6. August 2025 ist ein britisch-französischer Modellversuch im Gange, der die Abschiebung von Bootsmigrant:innen nach Frankreich ermöglicht – wenn das Vereinigte Königreich nach dem Prinzip „One out, one in“ dieselbe Zahl anderer Migrant_innen aus Frankreich aufnimmt. Fünf Monate vor dem Ende der Projektlaufzeit mehren sich Stimmen, die von einem Scheitern sprechen. Doch diese Einschätzung könnte vorschnell sein. Und es wird deutlich: Das Projekt bringt Menschen in Gefahr für Leib und Leben und zwingt manche, nach ihrer Abschiebung aus Frankreich zu flüchten.
Cranston-Report liegt vor

Seit dem 5. Februar 2026 liegt der Abschlussbericht der Kommission vor, die unter der Leitung des britischen Jura-Professors Ross Cranston die bislang schlimmste Katastrophe der Kanalroute untersuchte. Das über 450seitige Dokument beschreibt eine Verkettung von Unzulänglichkeiten und Überforderungen, Fehleinschätzungen und Fahrlässigkeiten, die in der Nacht vom 23. auf den 24. November 2021 vermutlich 31 Menschen das Leben kostete. Der Bericht ist ein Meilenstein in der Aufarbeitung dieser tödlichen Dimension der Grenzpolitik, und dennoch bleiben Fragen.
Während des Staatsbesuchs des britischen Premierministers Keir Starmer in der Volksrepublik China vereinbarten beide Staaten eine Zusammenarbeit bei der Vorfeldbekämpfung der Migration auf der Kanalroute. Die zwischenstaatliche Vereinbarung, die nicht im Wortlaut veröffentlicht wurde, zielt auf die Unterbrechung der Lieferkette für Bootsmotoren, Bootszubehör und Bauteile chinesischer Produktion. Sie reiht sich ein in eine Folge ähnlicher Vereinbarungen mit Drittstaaten, doch ihr Einfluss auf das Geschehen am Ärmelkanal dürfte minimal sein. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Offenbar zum ersten Mal haben die französischen Behörden ein Schlauchboot an der französischen Kanalküste aktiv abgefangen, das sich bereits im Wasser befand. Der Vorfall wurde am 17. Januar 2026 am Canal de’l Aa, einer zum Ärmelkanal führenden Binnenwasserstraße westlich von Dunkerque, beobachtet. Er betraf ein mutmaßliches Taxiboot, das die Passagier:innen noch nicht an Bord genommen hatte. [Mit einem Update]
Im November und Dezember 2025 suchten Aktivisten der britischen Kampagne Raise the Colours wöchentlich Schauplätze der undokumentierten Migration in Nordfrankreich auf. Die Rechtsextremisten produzierten eine Desinformationskampagne, propagierten Aktionen gegen small boats und bedrängten Geflüchtete und humanitäre Helfer:innen. Unter dem Namen Operation Overlord kündigen sie nun eine Aktion am 24. Januar 2026 an und mobilisieren für eine Massenbewegung mit größenwahnsinnigen Zügen. Die französische Regierung reagierte mit einem Einreiseverbot. Das rechtsextreme Spektakel inmitten der humanitären Krise ist damit ausgebremst, aber nicht beendet.

Im vergangenen Jahr erreichten 41.472 Menschen an Bord von 672 Schlauchbooten britisches Hoheitsgebiet. Es ist die zweithöchste Personenzahl seit dem Beginn der Bootspassagen im Herbst 2018, und im Gegensatz zu den maritimen Routen im Süden der EU steigt die Zahl der Passagier:innen kontinuierlich an. Während die Kanalroute also robust funktioniert, radikalisiert sich ihr politischer Kontext. Hier ein Blick auf die Zahlen und Dynamiken des vergangenen Jahres.
Jahr mit Fragezeichen
Wie entwickelt sich die Migration auf der Ärmelkanal-Route in diesem Jahr? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Versuch einer Einschätzung, basierend auf einem Ortsbesuch im Dezember.
Opal´ Exil ist eine neue zivilgesellschaftliche Organisation, die im Raum Boulogne, im Süden der Côte d’Opale, aktiv ist. Im Lauf der letzten fünf Jahre wurde diese Region für Bootspassagen immer wichtiger. Im Interview stellt Mitbegründerin Brigitte Duhen Opal´ Exil vor und berichtet von der Situation an diesem Teil der Küste. Das Gespräch bietet aber auch Einblicke in die breitere Entwicklung auf der Ärmelkanal-Migrationsroute.
