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Calais Channel crossings

Tod im Ärmelkanal

Am Strand von Sangatte, einer Nachbargemeinde von Calais, wurde am Sonntag, dem 18. Oktober 2020, die Leiche eines unbekannten Mannes angespült. Er war etwa 20 bis 40 Jahre alt und trug eine orange Schwimmweste, hatte jedoch nichts bei sich, das auf seine Identität schließen lässt. Nach ersten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Boulogne-sur-Mer handelt es sich um einen Migranten, der erst wenige Stunden tot war und sehr wahrscheinlich beim Versuch ertrunken war, den Ärmelkanal zu überqueren. Der Fundort des Toten liegt unweit der Stelle, an der am 19. August 2020 bereits ein anderer Geflüchteter, Abdulfatah Hamdallah aus dem Sudan, ertrunken aufgefunden worden war (siehe hier und hier).

Das kleine Sangatte liegt einige Kilometer westlich von Calais inmitten einer Küstenlandschaft, die sich gut für das heimliche Ablegen von Booten eignet und daher ein wichtiger Ablegepunkt für Channel crossers ist. Am 17. Oktober, dem Samstag vor dem Leichenfund, hatte die Calaiser Lokalzeitung La voix du Nord berichtet, dass wegen guter Wetterbedingungen auch Mitte Oktober wieder viele Boote in See gestochen seien, wobei es zu mehreren Rettungseinsätzen kam. Am Freitagabend sei in Blériot-Plage, das zwischen Calais und Sangatte liegt, ein Schlauchboot unmittelbar nach dem Anlegen in Seenot geraten, allerdings hätten seine fünf Passagiere gerettet werden konnten.

Wie lokale und überregionale Medien (etwa France 3) nach dem Leichenfund berichteten, waren nach Angaben der Präfektur am Samstag, dem 17. Oktober, neun Passageversuche von insgesamt 201 Migranten vereitelt worden, während 102 Personen die britische Küste erreicht hätten. Am Sonntag seien dann weitere 11 Passagen von insgesamt 191 Personen verhindert worden. Angaben der Seepräfektur lassen darauf schließen, dass die aus Seenot Geretteten ungeeignete Boote, darunter zwei aneinander befestigte Kajaks, benutzt hatten.

Insgesamt, so die BBC, errichten im Oktober bislang etwa 260 Geflüchtete Großbritannien in Booten, während es im September noch 1.951 gewesen waren, so viele wie in keinem Monat zuvor.

Initiativen der lokalen Flüchtlingshilfe weisen darauf hin, dass der Tod des in Sangatte gefundenen Mannes nicht von der Verweigerung sicherer und legaler Einreisewege nach Großbritannien und ebensowenig von den inhuman gestalteten Lebensbedingungen in den nordfranzösischen Camps getrennt werden kann. Für den Abend des heutigen 19. Oktober ist eine Gedenkkundgebung geplant, die, wie bei früheren Anlässen, am Richelieu-Park in Calais stattfindet: einem symbolisch wichtigen Ort, den dort befindet sich auch das Denkmal für die Kriegsgefallenen der Französischen Republik.

Der Todesfall ist der insgesamt sechste im Kontext der aktuellen Bootspassagen und, legt man die Dokumentation des Projekts Observatoire des migrants morts á Calais zugrunde, der 289. Todesfall im Kontext des kontinentaleuropäisch-britischen Grenzraumes seit 1999.