Die von britischen Rechtsextremen angekündigte „Operation Overlord“ an der französischen Kanalküste ist weitgehend im Sande verlaufen. Statt massenhaft inmitten der humanitären Krise zu „landen“, sahen sich die Aktivist:innen mit einem Verbot, Polizeipräsenz und Festnahmen, aber auch internen Zerwürfnissen, konfrontiert. In der digitalen Welt jedoch erweist sich die Kampagne als Brandbeschleuniger: Fake-Kanäle erwecken den Eindruck, im Ärmelkanal würden vollbesetzte Schlauchboote versenkt und die Bevölkerung übe den Aufstand.
Autor: tm

Offenbar zum ersten Mal haben die französischen Behörden ein Schlauchboot an der französischen Kanalküste aktiv abgefangen, das sich bereits im Wasser befand. Der Vorfall wurde am 17. Januar 2026 am Canal de’l Aa, einer zum Ärmelkanal führenden Binnenwasserstraße westlich von Dunkerque, beobachtet. Er betraf ein mutmaßliches Taxiboot, das die Passagier:innen noch nicht an Bord genommen hatte. [Mit einem Update]
Im November und Dezember 2025 suchten Aktivisten der britischen Kampagne Raise the Colours wöchentlich Schauplätze der undokumentierten Migration in Nordfrankreich auf. Die Rechtsextremisten produzierten eine Desinformationskampagne, propagierten Aktionen gegen small boats und bedrängten Geflüchtete und humanitäre Helfer:innen. Unter dem Namen Operation Overlord kündigen sie nun eine Aktion am 24. Januar 2026 an und mobilisieren für eine Massenbewegung mit größenwahnsinnigen Zügen. Die französische Regierung reagierte mit einem Einreiseverbot. Das rechtsextreme Spektakel inmitten der humanitären Krise ist damit ausgebremst, aber nicht beendet.

Im vergangenen Jahr erreichten 41.472 Menschen an Bord von 672 Schlauchbooten britisches Hoheitsgebiet. Es ist die zweithöchste Personenzahl seit dem Beginn der Bootspassagen im Herbst 2018, und im Gegensatz zu den maritimen Routen im Süden der EU steigt die Zahl der Passagier:innen kontinuierlich an. Während die Kanalroute also robust funktioniert, radikalisiert sich ihr politischer Kontext. Hier ein Blick auf die Zahlen und Dynamiken des vergangenen Jahres.

Während des Jahres 2025 starben im Zusammenhang mit der undokumentierten Migration aus der EU nach Großbritannien mindestens 41 Menschen – in aller Regel Geflüchtete aus Kriegs- und Krisengebieten in riskanten und prekären Situationen. Die Zahl der zivilgesellschaftlich dokumentierten Todesfälle seit 1999 stieg auf 525. Kaum einer dieser Menschen hätte in einer anderen migrationspolitischen Konstellation sterben müssen. Um auf eine Veränderung hinzuwirken, so unwahrscheinlich diese auch ist, erscheint es uns elementar, diese tödlichen Auswirkungen so umfassend wie möglich zu dokumentieren. Neben einer Analyse der Entwicklung veröffentlichen wir eine Chronologie aller dokumentierten Todesfälle dieses Jahres. Wir verstehen dies zugleich als eine Geste der Trauer und des Respekts gegenüber den Opfern dieser Grenze.
(Kurz nach der Veröffentlichung dieses Textes, am Sylvesterabend 2025, starb ein weiterer Geflüchteter in Calais. Wir haben den Beitrag ergänzt.)
Anlässlich ihres Londoner Treffens am 12. Dezember 2025 veröffentlichten die Premierminister Großbritanniens und Belgiens, Keir Starmer und Bart de Wever, ein Joint Statement on Bilateral Cooperation. Das Papier umfasst diverse Felder zwischenstaatlicher Zusammenarbeit wie Sicherheits- und Verteidigungspolitik, wirtschaftliches Wachstum, Innovation und Energiesicherheit – aber auch Aussagen zur Bekämpfung der Migration auf der Kanalroute. Um was geht es?
Am 13. Dezember 2025 registrierten die britischen Behörden die Ankunft von elf Schlauchbooten in britischen Hoheitsgewässern; an Bord befanden sich 737 Menschen. Zuvor hatten französische Rettungskräfte vier Menschen aus dem Wasser und weitere 28 aus einem Boot mit Motorschaden geborgen. Damit endete eine einmonatige Phase, in der bei schlechter Witterung keine Passagen unternommen wurden. Mit der Ankunft der elf Boote wurde die symbolische Marke von 40.000 Einreisen in diesem Jahr überschritten.
Anders als in den vergangenen Jahren, kam es in den Herbstmonaten Oktober und November nicht zu einer erneuten Häufung von Todesfällen. Starben im gleichen Zeitraum der vergangenen Jahre neun (2023) bzw. 25 Menschen (2024), wurde in diesem Jahr einmal der Fund einer Leiche gemeldet. Allerdings lag auch die Zahl der Bootspassagen unter dem Durchschnitt.
Die Kampagne „Raise the Colours“ und ihre „Operationen“ in Nordfrankreich
Britische Rechtsextreme nutzen die nordfranzösische Küstenregion stärker denn je als Bühne. Mit Raise the Colours trat im November 2025 ein weiterer Akteur hinzu (siehe hier). Wöchentlich suchen Aktivisten seither Schauplätze der humanitären Krise auf und propagieren direkte Aktionen, um anstelle der Behörden „die Boote zu stoppen“. Geflüchtete und Zivilgesellschaft, aber auch der französische Staat und Unternehmen, rücken in den Fokus einer aggressiven Kampagne mit wechselnden Namen wie Operation France oder Operation Overlord, die vom medialen Umfeld Nigel Farages dankbar aufgegriffen wird. Auch KI-generierter Content wird eingesetzt, was bislang kaum der Fall war. Höchste Zeit, genau hinzuschauen.