Die von britischen Rechtsextremen angekündigte „Operation Overlord“ an der französischen Kanalküste ist weitgehend im Sande verlaufen. Statt massenhaft inmitten der humanitären Krise zu „landen“, sahen sich die Aktivist:innen mit einem Verbot, Polizeipräsenz und Festnahmen, aber auch internen Zerwürfnissen, konfrontiert. In der digitalen Welt jedoch erweist sich die Kampagne als Brandbeschleuniger: Fake-Kanäle erwecken den Eindruck, im Ärmelkanal würden vollbesetzte Schlauchboote versenkt und die Bevölkerung übe den Aufstand.
Schlagwort: Loon-Plage
Von der Klage zum Urteil
Im November 2025 erregte die Klage von sechs NGOs – Médecins du Monde, Utopia 56, Salam, Roots, Human Rights Observers und Refugee Women’s Centre – vor dem Verwaltungsgericht Lille Aufmerksamkeit. Wie wir hier berichteten, forderten die Organisationen unter Berufung auf Art. L. 521-2 des Code de justice administrative (référé-liberté) Maßnahmen zur Sicherstellung grundlegender Bedürfnisse der Exilierten: Trinkwasser, Hygiene, Abfallentsorgung, Zugang zu Asyl und Schutz vulnerabler Gruppen. Das Urteil vom 4. Dezember 2025 (N° 2511276) markiert nun einen Teilerfolg – und eine klare Handlungsaufforderung an den Staat. Es unterstreicht, dass es in der Nähe der Lebensorte in der Region Dunkerque, wo die Zahl der Exilierten 2025 auf über 1.500 angestiegen ist, an elementarer Daseinsvorsorge fehlt, während die Behörden auf immer mehr Zäune und Räumungen setzen.

Jahr mit Fragezeichen
Wie entwickelt sich die Migration auf der Ärmelkanal-Route in diesem Jahr? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Versuch einer Einschätzung, basierend auf einem Ortsbesuch im Dezember.
Wegen menschenunwürdiger Bedingungen in den Camps bei Dunkerque verklagen sechs zivilgesellschaftliche Organisationen den französischen Staat. Sie reagieren damit auf eine Zuspitzung der Situation von mehr als zweitausend Menschen ohne geregelten Zugang zu lebenswichtigen Gütern und Infrastrukturen. Frühere Klagen lassen darauf hoffen, dass das Gericht zugunsten der Kläger_innen entscheiden wird.
Bei zwei unterschiedlichen Verkehrsunfällen an der A16 in der Nähe von Loon-Plage sind in den frühen Morgenstunden des 17. September ein Mensch ums Leben gekommen und ein weiterer schwer verletzt worden.

Rechts im Jungle
Britische Konservative und Rechtsextreme an den Schauplätzen der humanitären Krise in Nordfrankreich
Im Schatten guter Umfragewerte der Farage-Partei Reform UK mobilisiert die konservative bis extreme Rechte im Vereinigten Königreich massiver denn je gegen Menschen, die per Schlauchboot die Grenze überqueren. Britische Hotels, in denen Geflüchtete untergebracht sind, sind Schauplatz rechter Protest-Events, aber neben den asylum hotels stehen auch die small boats im Zentrum der Mobilisierung. Desinformation und Drohungen sind ebenso gängig wie die Ankündigung von Massenabschiebungen nach dem Vorbild der rechtsextremen US-Regierung. Betroffene sind durch die Proteste vor ihrer Tür in einen Zustand ständiger Angst versetzt, berichtete jüngst BBC. Doch auch nordfranzösische Camps und Strände rücken stärker in den Fokus konservativer bis rechtsextremer Akteure, unter ihnen der Schatten-Innenminister der Tories. Hier drei Beispiele des rechten Aktivismus im Jungle von Loon-Plage und an anderen Orten der humanitären Dauerkrise.
Innerhalb von wenigen Tagen wurden in Calais und bei Dunkerque die Leichen zweier Exilierter entdeckt. Einer der beiden Männer scheint in einem innerstädtischen Kanal ertrunken zu sein, der andere nahm sich offenbar im Camp selbst das Leben.
Zum wiederholten Mal ereignete sich im Jungle von Loon-Plage bei Dunkerque eine tödliche Gewalttat: Ein Mensch starb am 27. Juli 2025, nachdem mehrfach auf ihn geschossen worden war. Über die Hintergründe wurde bislang nichts bekannt, doch reiht sich der Fall in eine Reihe ähnlicher Tötungsdelikte ein, die sich seit Jahren in den Camps bei Dunkerque abspielen.
Inzwischen zeichnet sich ein etwas klareres Bild dessen ab, was am frühen Abend des 15. Juni im Jungle von Loon-Plage geschah. Die französischen Behörden gaben den Tod einer zweiten Person bekannt und halten nun offenbar einen versehentlich abgegeben Schuss sowie einen Suizid für möglich; die beiden Toten sind Kurden aus dem Irak. Für die Bewohner_innen des Jungle trat in den Tagen danach eine materielle Extremsituation ein: Rund tausend Menschen verloren zeitweise ihren einzigen Zugang zu sauberem Wasser.
Einen Tag, nachdem bei Loon-Plage ein junger Mann aus dem Sudan durch eine Kopfschuss getötet und fünf weitere verletzt wurden (siehe hier), kam es am 15. Juni zu einer weiteren tödlichen Gewalttat. Französiche Medien berichten von einem Todesopfer, einem Schwer- und einem Leichtverletzten. Ein Sender aus dem irakisch-kurdischen Erbil veröffentlicht eine abweichende Darstellung.